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Watchmen – Die Wächter

Watchmen. GB/USA 2009. R: Zack Snyder. B: David Hayter, Alex Tse. K: Larry Fong. S: William Hoy. P: DC Comics, Gordon Company, Warner Bros, Lawrence Gordon Productions. D: Carla Gugino, Billy Crudup, Jeffrey Dean Morgan, Patrick Wilson, Matthew Goode, Jackie Earle Haley, Malin Akerman u.a.
162 Min. Paramount ab 5.3.09

The Gutters Are Full of Blood

Von Daniel Bickermann Es ist vollbracht. Kaum zu glauben, daß nach Jahrzehnten der Rechteschieberei und der abgebrochenen Produktionsstufen, nach einem guten Dutzend Drehbüchern (von denen das berüchtigtste wohl der haarsträubend verfälschende Ansatz von Batman-Autor Sam Hamm war) und ersten Design-Ideen von Terry Gilliam, Darren Aronofsky und Paul Greengrass, daß nach über 20 Jahren endlich jene Graphic Novel verfilmt wurde, die seit ihrer Entstehung als Vollendung der Form und als bester Comic aller Zeiten gilt. Aber da ist er: Watchmen, der Film. Und er ist triumphal gelungen. Und ausgerechnet Zack Snyder, der zwar mit seinen Adaptionen von Dawn of the Dead und 300 eine Sensibilität für kultumwobene Stoffe bewies, aber sich nicht gerade als Meisterregisseur profilierte, hat ihn auf die Beine gestellt.

Snyders größte Kunst in diesem Film ist die der Aneignung eines brillanten Ausgangsstoffs. Bisher erwies sich noch jede einzelne Alan Moore-Verfilmung als katastrophales Mißverständnis: Der Horrorcomic Swamp Thing wurde zum lächerlichen Gummianzug-Grusel, die Anarchieparabel V for Vendetta kam als Actionfilm daher, die verspielte Viktorianerparodie League of Extraordinary Gentlemen mißriet zum amerikanisierten Abenteuerklamauk, und selbst die finstere Sozialparabel From Hell kam als aufgehübschtes Krimispielchen heraus. Nur vor diesem Hintergrund ist die Euphorie verständlich, die man angesichts der Werktreue der Watchmen-Verfilmung empfindet. Das kluge Drehbuch von Alex Tse und David Hayter hält sich sklavisch an Dramaturgie und Dialoge der Vorlage, streicht nur einige unbedeutende Seitenstränge und läßt dafür jede noch so obskure, aber tiefblickende Kleinszene der fünf Hauptfiguren intakt. Snyder seinerseits übernimmt die Hälfte der Comicpanels als Bildvorlagen und behält sogar einen Großteil der köstlichen und höchst kontrastiven Parallelmontagen der Graphic Novel bei, die seit jeher ein Markenzeichen Moores sind.

Die Ästhetik war natürlich immer schon Snyders starke Seite, und Watchmen ist, wenig überraschend, stilvollendetes Kino geworden. Doch auch hier geht der Regisseur einen mutigen Schritt weiter und unterfüttert seine eleganten Zeitlupenstudien, die schon immer Gefahr liefen, zum Selbstzweck zu verkommen, mit kontrastiven Inszenierungselementen und narrativen Notwendigkeiten. Wenn bei der anfänglichen Actionszene Nat King Cole sein romantisches »Unforgettable« in den Zuschauerraum haucht, während auf der Leinwand zwei schwere Muskelmänner sich gegenseitig die Scheiße aus dem Leib prügeln, dann ist das ebenso durchdacht und originell wie die Parallelmontage zwischen einem Straßenkampf, in dem zwei Helden unter heftigen Atemzügen die (sexuelle) Freude am Bandenverprügeln wiederentdecken, und einem Fernsehinterview, in dem ein anderer Held als Unmensch im wahrsten Wortsinne bloßgestellt wird.

Daß man auf diese Weise einen Stoff, über den Terry Gilliam nicht ganz zu Unrecht urteilte, man könnte ihm nur in einer fünfstündigen Miniserie gerecht werden, in weniger als drei Stunden sinn- und stimmungsvoll auserzählen kann, ist ein überraschender Triumph. Aber selbst die ausgefeilteste Dramaturgie wäre nutzlos gewesen, wenn man sich von Moores sorgfältig austariertem Tonfall entfernt hätte. Die Parallelmontagen zwischen Eleganz und Impotenz, zwischen Mord und Liebe, zwischen Weltvernichtung und persönlicher Desillusionierung beruhen auf der inhärenten Vielschichtigkeit des Plots, der einige Zuschauer emotional durchaus überfordern dürfte: Nach einer anfänglichen zehnminütigen Diskussion über die politische Lage des alternativen 1985, in dem der Film spielt, und nach einem der besten Vorspänne der letzten Jahre, der in kurzen Vignetten die veränderte Nachkriegsgeschichte erzählt, wechselt die Narrative zwischen fünf gleichberechtigten Protagonisten hin und her. Und die bringen nicht nur alle ihre eigene Perspektive inklusive Flashbacks mit, sondern bewegen sich auch in komplett unterschiedlichen Genres. Das hat zur Folge, daß die Stimmung des Films alle zehn Minuten dreht: vom sensiblen Bildungsroman über die tragikomische Love Story und den knallharten Straßenkrimi bis zum paranoiden Politthriller – natürlich alles gespiegelt im Genre des Superheldenfilms. Dazu rebellische Musik von Bob Dylan und Leonard Cohen (dessen Textzeile »First We Take Manhattan« hier mindestens zwei neue Bedeutungen erhält), und fertig ist eine klassenkämpferische Polit-Ensemble-Action-Moral-Satire, deren reine Beschreibung schon schwindlig werden läßt.

Nachdem in den Internetforen eine erste Enttäuschung über die wenig bekannten Namen der Besetzung verflogen war, muß man den Machern im Nachhinein gratulieren: Ein Ensemblefilm wie dieser hätte unter der Last einiger Schauspielschwergewichte nur Schlagseite bekommen. So hingegen dürfen die bisher auf romantischen Herzschmerz festegelegten Schönlinge Jeffrey Dean Morgan und Matthew Goode mit finsteren, vielschichtigen Charakteren überraschen, und der unberechenbare Jackie Earl Healey kann als ultrakonservativer Maskenheld Rohrschach vollauf überzeugen. Die grünsten Lorbeeren verdient sich aber der längst über den Geheimtip hinausgewachsene Charakterdarsteller Patrick Wilson, der sich für die Rolle des klopsigen Kostümnerds Night Owl einen grundsympathischen Bauchansatz angefressen hat: Seinem aus der Form geratenen Ex-Superhelden gerät wirklich jede Bewegung saftlos und tranig, er ist keineswegs der Klügste und muß auch noch als Paradebeispiel für den Latexfetisch herhalten, der hier an einigen Figuren diagnostizierbar ist. Trotzdem, oder gerade deswegen, wird er mit seinem freundlichen Charlie-Brown-Charme zum dringend benötigten menschlichen Zentrum in einem Film, der die großen moralischen Fragen der Weltgeschichte nicht nur theoretisch behandelt, sondern auch ganz konkret und bis in die bitterste Konsequenz durchspielt.

Kurz: Hier stimmt einfach alles. Der Plot ist ein fein abgestimmtes Uhrwerk (dieses Motiv zieht sich nicht umsonst durch die Geschichte), das unerbittlich bis zum berüchtigten Ende heruntertickt. Die geschickt vermittelte Atmosphäre von dunklen Friedhöfen und verregneten Seitenstraßen macht früh klar, daß es eigentlich egal ist, wann man die Funktionsweise dieses Uhrwerks begreift – es ist ohnehin längst zu spät, die Drehung der Zeiger anzuhalten. Film wie Comic beginnen am Rand des Abgrunds und gehen dann Schritt für Schritt voran. Und daß das Ende in dieser moralischen Radikalität intakt geblieben ist, darf man im Hollywood-Studiosystem ohnehin als einmaliges Wunder verbuchen – gegen Watchmen erscheint The Dark Knight wie ein sonniger Kindergeburtstag. 2009-03-03 11:57

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