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Gran Torino

USA 2008. R: Clint Eastwood. B: Nick Schenk. K: Tom Stern. S: Joel Cox, Gary Roach. M: Kyle Eastwood, Michael Stevens. P: Double Nickel Entertainment. D: Clint Eastwood, Ahney Her, Bee Vang, Christopher Carley, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker u.a.
116 Min. Warner ab 5.3.09

Altes Eisen

Von Nils Bothmann Clint Eastwood ist ein Markenzeichen der amerikanischen Filmlandschaft. Sowohl sein Schauspiel, das durch minimalistische und doch so ausdrucksstarke Mimik funktioniert, als auch seine Regieleistungen bürgen fast stets für Qualität. Im Alter dreht Eastwood nachdenkliche Filme wie Erbarmungslos oder Million Dollar Baby, wagt sich an ungewöhnliche Projekte wie das Double Feature aus Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima. Doch wenn er dabei selbst vor der Kamera steht, so schimmern immer noch frühere Rollen durch: Da sind der Mann ohne Namen aus den Leone-Filmen, Harry Callahan aus Dirty Harry oder der toughe Morris Schaffer aus Agenten sterben einsam immer noch in Spuren zu erkennen. Männer, mit denen man sich besser nicht anlegt. Denn selbst im hohen Alter sind Eastwood-Charaktere noch gefährlich: Erbarmungslos und In the Line of Fire mögen die fortgeschrittenen Lebensjahre ihres Helden ausstellen, doch trotzdem steckt immer noch genug Wille und Kampfgeist in ihnen.

Bereits unter dieser Voraussetzung ist Eastwoods neuester Streich Gran Torino eine interessante Angelegenheit. Der von Eastwood gespielte Koreakriegsveteran Walt Kowalski ist an sich ein Menschfeind, ein Ausländerhasser in einer Siedlung, aus der fast alle Weißen weggezogen sind. Eher unfreiwillig wird Zyniker Walt zum Beschützer seiner südostasiatischen Nachbarn, Migranten vom Volk der Hmong, deren jüngsten Sproß eine gewaltbereite Gang aufnehmen will – notfalls gegen seinen Willen. Man wartet darauf, daß sich die Konfrontation von Rentner und Jugendgang entlädt, man wartet auf den Erbarmungslos-Moment in Gran Torino. Doch der Ausnahmeregisseur ist schlau genug, die Situation anders zu lösen als erwartet.

Doch nicht nur in dieser Hinsicht ist Gran Torino ein echter Eastwood, der geschickt Erwartungen unterläuft. So entpuppt sich der Stoff, der nach schwerem Drama oder nachdenklichem Rachefilm klingt, über weite Strecken als kleine, leicht schwarze Komödie. Bereits in der Eröffnungsszene tritt Walts Enkelin bei der Beerdigung von Walts Frau unpassend gekleidet auf, tippt während der Zeremonie lautstark auf ihrem Handy rum und fragt ihren Großvater bei der Totenwache unverblümt, ob sie nicht seinen 1972er Gran Torino haben könne, da er ja wohl auch bald sterben würde. Was anfangs nach übelstem Klischee aussieht, entpuppt sich schließlich als komische Überzeichnung, die mal wieder Raum für Walts typisches Knurren läßt. Gran Torino lebt von den Konfrontationen des Protagonisten mit seiner Umwelt, die er haßt, deren Hilfe er nicht annehmen will – vor allem verkörpert durch die Figur des herzensguten Pfarrers, welchen der zynische Rentner Walt immer wieder gern auflaufen läßt. Dabei ist Walts Zorn teilweise berechtigt, gerade seine undankbaren Verwandten verdienen kaum Anerkennung, während die aufgeschlossenen Nachbarn immer mehr zu einer Art Ersatzfamilie werden.

Eastwood ist als Regisseur wie Schauspieler voll in seinem Element, inszeniert die Wandlung Walts vom Menschenfeind zum eigenwilligen Helfer in ruhigen Kamerafahrten und langen Einstellungen – ein gemächliches Tempo inmitten all der schnell geschnittenen Blockbuster. Auch in seinem leisen Witz unterscheidet sich Gran Torino von dem, was man von Mainstreamkino gewöhnt ist, meist entspringt die Komik dem unangepaßten Verhalten der Hauptfigur. Walts grobe Kommentare erinnern an Eastwoods Oneliner aus seinen Polizeifilmen, bieten Wortwitz, der teilweise fast schon politisch inkorrekt ist – doch gleichzeitig unterläuft Gran Torino den Rassismus seiner Hauptfigur, indem er immer wieder auf die polnischen Wurzeln seines achso amerikanischen Protagonisten verweist.

Angesichts von Eastwoods Spielfreude und des Dialogwitzes nimmt man dann gern in Kauf, daß die Rahmenhandlung von Walts Läuterung wenig Neues bietet. Fast wie Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte, nur ohne Weihnachten und mit mehr Sarkasmus, aber doch die Mär vom hartherzigen Mann, der seine guten Seiten entdeckt. Tatsächlich fällt nach Filmende auf, daß man die Story von Gran Torino an sich in ähnlicher Form schon mehrfach gesehen hat. Doch wenn während des Abspanns der wunderbar melancholische Titelsong »Gran Torino« ertönt, wenn Eastwoods Präsenz die eigentliche Geschichte überstrahlt und wenn man merkt, daß Komik und Drama hier eine eigenwillige Symbiose eingehen, dann sind solche Bedenken vergessen. Gran Torino hat nicht ganz die Kraft wie zuletzt Mystic River, Million Dollar Baby oder Letters from Iwo Jima, ist aber trotzdem wirklich schönes Kino – ein echter Eastwood eben. 2009-03-03 11:55

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