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Der Vorleser

The Reader. USA/D 2008. R: Stephen Daldry. B: David Hare. K: Roger Deakins, Chris Menges. S: Claire Simpson. M: Nico Muhly. P: Babelsberg International, SenfkornFilm, Mirage, Redmond Morris. D: Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes, Lena Olin, Bruno Ganz, Jeanette Hain, Susanne Lothar, Matthias Habich, Jürgen Tarrach u.a.
124 Min. Senator ab 26.2.09

Schuld und Sühne

Von Susan Noll Kate Winslet wird langsam aber sicher zur Königin der knisternden Sexszenen. Ihre kühle Erotik und die Hintergründigkeit ihres präzisen, alles umfassenden Spiels verleihen ihr eine große Leinwandpräsenz. Spätestens seit Todd Fields fulminanter Vorstadtanalyse Little Children und der darin enthaltenen offensiven Liebesszene zwischen Winslet und Patrick Wilson auf dem Trockner, ist ihre erotische Präsenz augenscheinlich. Als Hanna, die Protagonisten des Schlinkschen Romans »Der Vorleser«, hat sie fast zuviel Ausstrahlung, um die KZ-Aufseherin zu mimen. Schön ist sie und in allem was sie tut ausgesprochen körperlich. So ist es nicht verwunderlich, daß sich der Junge zu ihr hingezogen fühlt, dessen Leben sich auf ewig mit ihrem verbinden wird.

Michael ist 16, und sie ist viel älter als er. Eigentlich sollte aus dieser Begegnung, bei der sie ihm geholfen hat, als er sich vom Fieber geschüttelt im Treppenhaus übergab, nicht mehr werden, denn im Deutschland der 1950er Jahre ist selbst die Beziehung zwischen gleichaltrigen Jugendlichen der strengen Überwachung der Eltern ausgesetzt. Trotzdem bleiben sie in Kontakt und treffen sich heimlich, lieben sich und hören die Geschichten, die er ihr vorliest. Bis sie eines Tages spurlos verschwindet und er sie erst im Gerichtssaal wiedersieht, er als Student, sie als Angeklagte. Es ist das Jahrzehnt der Aufarbeitung alter Nazi-Verbrechen; Hanna wird vorgeworfen, als Aufseherin eines KZs auf einem Gefangenentransport die Häftlinge in eine Kirche eingesperrt und verbrannt zu haben.

Die Geschichte dürfte jedem Schüler in Deutschland mittlerweile bekannt sein, hat doch das Buch bereits Eingang in den Unterricht gefunden und wird dort als Paradebeispiel für Geschichtsaufarbeitung und die Beschäftigung mit der Schuldfrage angeführt. Da kann der Film von Stephen Daldry gut mithalten. Atmosphärisch ist er ohne Zweifel, mit einer hervorragenden Licht- und Kameraarbeit kann er die Stimmung der 50er, 60er und später der 90er Jahre authentisch einfangen, ohne bemüht zu wirken. Das macht ihn zunächst vor allem zu einem eindrücklichen Bilderlebnis. Die Zeitebenen, die den erwachsenen Michael der Gegenwart mit dem jungen seiner eigenen Erinnerung verbinden, werden gekonnt verwoben. Durch Match Cuts werden Bewegungen von einer Figur ausgeführt und gehen dann in die der anderen über. Dies löst die Zeit auf, macht die Ebenen zu einer. Ein Kniff, der ob der Dramaturgie und des Plots natürlich zum Ende hin verloren geht, was dem Film einiges an der Virtuosität seiner Erzählweise nimmt. Zunehmend linear verläuft nun die Handlung und wird damit auch mehr und mehr Teil einer Konvention.

Daldrys Film nämlich versucht sich eher als reine Adaption denn als Interpretation. Der Roman, der als Grundmuster Platz für neue Ansätze bietet, indem er eine Lösung oder ein klares Bekenntnis offenläßt und eigentlich keine Antworten gibt, wird in klassischer Manier verfilmt. Der von David Kross gespielte Michael ist feinsinnig und verzweifelt an dem Wiedersehen mit Hanna über seine eigene Verantwortlichkeit. Ohnehin ist es das, womit sich der Film am meisten beschäftigt: Die Frage nach Verantwortung, und das nicht nur in einem schuldmäßigen Sinn, sondern auch einem sozialen. Winslets Hanna ist eine verzweifelte, weiche und traurige Frau, die sich ihres Analphabetismus so sehr schämt, daß sie sogar die Verantwortlichkeit für die Verbrennung der Gefangenen ganz allein auf sich nimmt und damit ihr Schicksal besiegelt. Damit steht sie zwar nicht konträr zu der harten und unnahbaren Figur des Romans, gibt ihr aber einen menschlicheren, zugänglicheren Akzent. Dies ist vielleicht die einzige Verlagerung, die der Film sich traut. Am Ende ist es, wie in der literarischen Erzählung auch, Michael, der ihre Bürde trägt, die Verantwortung für die Insassin Hanna übernimmt und schließlich mit den überlebenden Opfern des Verbrechens in Kontakt tritt, um etwas gutzumachen. Er trägt die Bürde, zwei Leben zu leben und beide zum besten auszufüllen, indem er seines ihrem widmet und ihres zum Guten wendet. Damit hält sich Daldry an den Roman, er geht keinen Schritt vor und keinen zurück und liefert damit eine solide, anrührende und handwerklich hervorragende Adaption ab, die allerdings die Fragen des Romans nicht beantwortet und auch keine neuen stellt. 2009-02-25 12:00

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