— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Reich mir deine Hand

Donne moi la main. D/F 2008. R,B: Pascal-Alex Vincent. B: Martin Drouot. K: Alexis Kavyrchine. S: Dominique Petrot. M: Tarwater. P: busse & halberschmidt, Local Films, Adam Productions, Cinécinéma. D: Alexandre Carril Victor Carril, Anaïs Demoustier, Samir Harrag, Katrin Saß, Patrick Hauthier u.a.
80 Min. Salzgeber ab 26.2.09

Bilder ohne jeglichen Zweifel

Von Arezou Khoschnam Die Ausgangssituation von Reich mir deine Hand könnte kaum übersichtlicher sein. Die 18jährigen Zwillinge Antoine und Quentin machen sich per Anhalter von Frankreich nach Spanien auf, um ihre Mutter zu beerdigen, die sie nie gekannt haben. Es ist nicht die Beziehung der Brüder zu ihrer Mutter, auf die sich das Drehbuch konzentriert. Diese Rahmenhandlung fungiert vielmehr als Anlaß, um das Verhältnis der eineiigen Zwillinge untereinander zu thematisieren und wie sich dieses im Laufe des Films verändert. Zwei Protagonisten, ein Weg und ein Ziel. Das klingt nach einem klassischen Roadmovie. Doch die Zuschauer, die nach dieser kurzen Inhaltsangabe auch ein solches erwarten, werden womöglich enttäuscht werden. Es gelingt Regisseur Pascal-Alex Vincent nicht, anhand der physisch angetretenen Reise die innere Entwicklung der Hauptfiguren nachzuzeichnen und ihre Verbindung spürbar zu machen. Antoine und Quentin bleiben bis zum Schluß austauschbare Hüllen.

Der Film beruht auf der Überlegung: Wie ist es, ein Zwilling zu sein? Bei der Beantwortung dieser Frage schließt sich Vincent nicht der Tradition vieler französischer Filme an, die auf dem gesprochenen Wort aufbaut. Stattdessen versucht er, sich der oben genannten Frage auf der sinnlichen Ebene anzunehmen – und scheitert an dieser Herausforderung. Der Regisseur legt einen Großteil der inszenatorischen Verantwortung in die Hände der Kamera, die wiederum über ihr eigenes Überengagement stolpert. Sie nähert sich den Gesichtern der Hauptfiguren in einem Übermaß an nervigen Close-Ups. Mit Gesichtshälften, die auf der einen Seite stark beleuchtet sind und auf der anderen Seite im Dunkel eingefangen werden – ein Motiv, das hier oft Verwendung findet – versucht der Film vergeblich, den Figuren eine tiefere Bedeutung zu verleihen.

Die Unterschiede zwischen zwei Zwillingen in einem eher dialogarmen Film herauszustellen, stellt sicherlich eine Schwierigkeit dar. Das Drehbuch zeichnet die Brüder dazu mit Hobbys aus – der eine zeichnet, der andere spielt Maultrommel – was wenig überzeugt, da diese Unterscheidung zu aufgesetzt wirkt und die ihr zugrunde liegende Absicht stets durchscheint. Weder die plötzlichen Raufereien noch die sentimentalen Anwandlungen zwischen Antoine und Quentin sind filmisch nachvollziehbar. Zumeist hat der Zuschauer eher Probleme, die Zwillinge auseinanderzuhalten. Ironischerweise ist es dann doch das Gesagte, das ab und an auf die Individualität der beiden hinzuweisen vermag. Zudem dient als Quelle jedes emotionalen Ausbruchs immer eine sexuell aufgeladene Situation, sei sie nun hervorgerufen durch Eifersucht oder Abscheu, was recht einseitig ist. Bei diesen Szenen lassen sich sowohl Regie als auch Kamera viel Zeit. Doch statt für die Gefühle und Gedanken der Brüder angemessene Bilder zu finden, stehen die Bilder lediglich für sich selbst.

Am fragwürdigsten ist jedoch ein Stilmittel, das Vincent gleich zu Beginn einsetzt. Der Film eröffnet mit einer Anime-Sequenz, die in sich geschlossen ist und quasi die gesamte folgende Handlung vorwegnimmt. Auf die Animation wird im Weiteren vollkommen verzichtet, während sich der eigentliche Film nun wie eine Langspielfassung dieser ersten Sequenz darstellt. Der Versuch, anhand dieser Mangabilder einen Zusammenhang zu den Zeichnungen von Quentin herzustellen, ist nur ein Beispiel für die Beliebigkeit, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Inszenierung zieht.

Der Film zeigt die Geschichte zweier Zwillingsbrüder, die gemeinsam eine Reise antreten, an deren Ende sie sich entzweien. Auch hier wieder Übersichtlichkeit: Einer bleibt im Bild sitzen, während der andere aufsteht und sich von der Kamera entfernt. 2009-02-23 11:45
© 2012, Schnitt Online

Sitemap