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Menschen, Träume, Taten

D 2007. R,B,K,S: Andreas Stiglmayr. S: Manuela Kempf. M: Andre Feldhaus. P: Stiglmayrfilm.
88 Min. Stiglmayrfilm ab 26.2.09

Vegane Zone

Von Mark Stöhr »Es gab keine Angst und nichts zu verlieren. / Es war Friede bei den Menschen und unter den Tieren. / Das war das Paradies«, sangen Ton Steine Scherben vor langer Zeit und texteten eine Hymne für alle Hippies, Hausbesetzer und Hundefreunde. In der Altmark, anderthalb Autostunden von Berlin, bauen sich 120 Frauen und Männer seit zehn Jahren ihr eigenes Paradies. In der Modellsiedlung »Sieben Linden« suchen sie nach alternativen Formen des Lebens, in Einklang mit der Umwelt und vor allem mit sich selbst. Die Häuser sind aus Natur- und Recyclingmaterialien, es wird Obst und Gemüse angebaut, viel meditiert und sich gedehnt, zusammen gegessen, alles meistens barfuß. Im Grunde sind hier also alle Typen versammelt, die einem früher das WG-Leben vermiesten. Uncoole Langweiler in groben Sackklamotten und mit einem sagenhaft schlechten Musikgeschmack, die so sie selbst waren, daß man mit eigenen Problemen gar nicht zu kommen brauchte. Irgendwann verschwanden sie aus dem Straßenbild, dank Andi Stiglmayrs Film wissen wir jetzt auch wohin.

So soll also die Zukunft der Menschheit aussehen: Von der inneren Einkehr zerklüftete Gestalten, die dauernd vom Glück reden und dabei ganz unglücklich dreingucken. Immer wenn es sozial und ökologisch interessant werden könnte, sind die Bio-Stalinisten schon da. Mit ihrer dogmatischen Verbohrtheit und ihrem Argwohn gegenüber allem Anderen können sie es locker mit jedem erzkatholischen Bergdorf aufnehmen. »Wir vollziehen einen Umbruch ohne Barrikaden«, sagt einer der Bewohner im Film. »Unsere Revolution ist: Einfach machen.« Stiglmayr findet das spitzenmäßig. Er zottelt mit seiner Kamera durchs Ökodorf, hält hier mal ein Schwätzchen, geht dort mal mit zum Yoga, drüben bilden ein paar Leute gerade einen Kreis, schnell hin, vorher aber noch eben das Pferd vor dem Pflug ablichten. Kreuz und quer geht es, in kurzen Spots, die ohne erzählerischen Zusammenhang bleiben. Nicht einmal die Chronologie der Jahreszeiten wird eingehalten. Nachhaltiges Filmemachen sieht echt anders aus.

Zwei Protagonisten kristallisieren sich heraus, Martin und Silke, beide um die vierzig. Er ein seltsam vertrockneter Sonnyboy, der gerne Bürgermeister des Ganzen wäre und es aus basisdemokratischen Gründen aber nicht sein darf. Sie eine seltsam verhärmte Zora, die den ganzen Tag mit ihren Haflingern abhängt und ihre Freiheit mit Zähnen und Klauen verteidigt. Stiglmayr hätte 90 Minuten Zeit gehabt, um wenigstens diesen beiden Figuren näherzukommen. Sie bleiben Sprechautomaten, die ihre Standpunkte veröffentlichen. Ohne Profil, ohne Geschichte, ohne Herz. Entweder Stiglmayr interessierte sich nicht für die Leute oder er kam nicht an sie heran. Selbst die Brüche im Kollektiv, spannende Konfliktlinien werden mal eben so wegerzählt. Es menschelt im Dorf wie überall, die einen können die anderen nicht leiden, die antiautoritär erzogenen Kinder nerven, Jugendliche nehmen Reißaus, weil die Welt draußen viel stärkere Reize bietet. Für den Regisseur ist das nur eine Randnotiz wert. Er entscheidet sich für einen Häppchen-Dokumentarismus, der mit dem Rad mal eben das Areal abfährt. Man fragt sich, warum so ein Film überhaupt ins Kino kommt. 2009-02-23 11:15
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