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Maria am Wasser

D 2006. R,B: Thomas Wendrich. K: István Imreh. S: Philipp Stahl. N: Kai-Uwe Kohlschmidt. P: Egoli Tossell. D: Alexander Beyer, Annika Blendl, Marie Gruber, Falk Rockstroh, Hermann Beyer u.a.
98 Min. Timebandits ab 26.2.09

Die Leiden des jungen deutschen Films

Von Martin Thomson Bekanntlich verbietet es sich zu pauschalisieren. Deswegen sei im Zusammenhang mit dem jungen deutschen Film lediglich von einer Tendenz gesprochen, wenn die Behauptung aufgestellt wird, daß nicht wenige der ihm zugehörigen Produktionen eine Eigenschaft aufweisen, die ich einmal vorsichtig als Werther-Syndrom bezeichnen möchte. Viele erfolgreiche deutsche Filme aus der jüngeren Vergangenheit leiden unter diesem Syndrom. Nicht wenige von ihnen stammen von jungen Regisseuren. Ihre Filme funktionieren ähnlich wie jene im Diesseits unmögliche Liebe zwischen Werther und Lotte. Sie führen eine kurz vor ihrem Untergang begriffene, jenseits jeder realen sozialen Wirklichkeit befindliche, in all ihrer entzückenden, in unschuldig-jugendlicher Farbkraft schimmernde Welt vor. Dabei steuern sie erst gar nicht, wie das Hollywood-Äquivalent auf ihr Happy End zu, sie befinden sich scheinbar von Beginn an darin. Ihre Filme baden und putzen sich rein vom schmutzigen Ballast zweiflerischen Gedankenwirrungen, sie schwelgen ohne Fall und ohne Boden. Oftmals mit viel Herz und wenig Hirn.

Schreiend hängen sich ihre idealistischen Junghelden aus fahrenden Autos, verlieben sich zwischen Trinkgelagen und Mauerfall im Minutentakt und baden in Flüssen unter einer von Sonnenlicht durchschimmerten Wasseroberfläche, als wenn es kein Morgen, oder besser, als wenn es kein Heute geben würde. Der Film pennt ein, ist zuende, und der Zuschauer hat sich, entweder zwischenzeitlich oder sobald der Abspann anläuft, im Sinne seines Bezugs zur sozialen Wirklichkeit in der deutschen Gegenwartsgesellschaft das Leben nehmen dürfen. Allenfalls bis ihn die nächste Schreckensnachricht aus der Tageszeitung oder aus dem viel langweiligeren Alltagsleben wiederbelebt und daran erinnert, daß man in der realen Welt auch mal auftauchen muß, um nicht irgendwann ganz abzusaufen. Der Film darf im Werther-Zustand seinem absehbaren Ende entgegengehen, der an Verstand zurückgewinnende Zuschauer jedoch sieht sich im Anschluß mit einer unangenehmen Begleiterscheinung konfrontiert: die Feststellung, in einem Diesseits weiterzuleben, das dem jungen Werther erspart blieb. Die Lenin-Statue verabschiedet sich unter Pianoklängen, da kommt auch schon der nächste junge deutsche Film hereingestürzt und entschläft jeder sozialen Wirklichkeit.

Thomas Wendrichs Film Maria am Wasser ist nun der Prototyp dieses Werther-Syndroms. Die Vergangenheit ist hier ein in Sepia gefilmtes Kreuzfahrtschiff bei räsonierender Stimme aus dem Off und die Kindheit eine aufziehbare Plastikmuschel. Und wenn irgendwas unter der Erde vergaben liegt, das nicht überwunden ist: warum nicht einfach die verschütteten Orgelpfeifen ausgraben und wieder das Dasein in der religiösen Sphäre feiern? In der Kirche läßt sich der stets monierte Verlust überzeitlicher Werte schnell vergessen und wenn nicht, auf den Schreibtischen der irgendwie ignoranten, aber auch liebenswerten bäuerlichen Bevölkerung stehen ohnehin noch keine nervigen Computer. Deren Teilnahms- und Erinnerungslosigkeit an der mit dem Protagonisten verwobenen schicksalhaften Vergangenheit ist zwar zeitweise frustrierend, andererseits sorgt die große Liebe in Gestalt eines putzigen Mädels, das schon im nächsten Waldeck wartet, für Weltschmerzheilung.

Wo die aufziehbare Plastikmuschel entrückt und entzückt, sorgt der wuchtige DDR-Panzer für das beklagte Stück historischen Realismus. Der ist irgendwann vor langer Zeit mal mit mehreren Heimkindern untergegangen. Die Bewohner des sächsischen Dorfes Neusorge schauen mit Unbehagen auf jene verdrängte Vergangenheit, an die sie der nun plötzlich heimgekehrte Marcus erinnert, der das Unglück als einziger überleben und dem realsozialistischen Miniatur-Regime der Heimmutter entkommen konnte. Eine Ausgangsidee, mit der Wendrich anscheinend etwas über Entwurzelung und Stagnation der Gesellschaft nach der Wende zu erzählen vorhatte. Umso bedauerlicher, daß er zu filmischen Mitteln greift, welche die Wirklichkeit derart vergessen machen, daß wieder gemütlich unter der Wasseroberfläche gepennt werden darf. Bei schön klingender Pianomusik versteht sich. 2009-02-23 11:06
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