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Der Knochenmann

A/D 2008. R,B: Wolfgang Murnberger. B: Josef Hader, Wolf Haas. K: Peter von Haller. S: Evi Romen. M: Sofa Surfers. P: Dor-Film. D: Josef Hader, Birgit Minichmayr, Josef Bierbichler, Christoph Luser, Simon Schwarz, Dorka Gryllus, Pia Hierzegger u.a.
126 Min. Majestics ab 19.2.09

Über den Brenner

Von Jakob Stählin Derzeit sieht man sich als deutscher Kinogänger immer wieder der Debatte um den Eventmoviewahn der hiesigen Filmbranche ausgesetzt. Das ist der Industrie gegenüber etwas unfair, denn obgleich Sperenzchen wie Der Baader-Meinhof-Komplex oder Die Buddenbrooks eine traurige Befriedigung für die Gier nach oberflächlichem Anspruch im Film repräsentieren, ohne dabei je einen Funken Esprit zu versprühen, ist es doch nicht gar zu schlecht bestellt um das deutschsprachige Kino. Seien es die Dresens, Levys und Links hierzulande oder Filmemacher wie Uli Seidl südlich des Weißwurstäquators.

Als 2001 die Verfilmung des Wolf Haas-Krimis Komm, süßer Tod startete, stellte sich unvermeidlich die Frage, ob ein Film, der von der Grundthematik und von seiner Optik so nah am gängigen TV-Schema liegt, im Kino nicht deplatziert sei; doch seine Qualität, die er durch dichte Atmosphäre erlangte, ließ die Kritiker nahezu einhellig jubeln. Daraus kann man natürlich nur schließen, daß es so etwas wie ein klares Schema, welches den Kino- und TV-Film voneinander trennt, nur gefühlt geben kann. Auch die mittlerweile dritte Verfilmung eines Krimis von Wolf Haas geht, nicht zuletzt aufgrund des unveränderten Teams um Wolfgang Murnberger und Josef Hader, den schlichten Weg seiner Vorgänger unbeirrt weiter, man könnte fast sagen, er gehe sogar einen kleinen Schritt zurück.

Im Süden der Republik sind die beiden Vorgänger bereits Kult, doch scheinen sich besonders die vielen für österreichische Produktionen nicht untypischen derb schwarzhumorigen Szenen eingebrannt zu haben: Silentium – war das nicht der Film mit der Pinkelszene? Besonders dreckig mutete die düstere Thematik gerade aufgrund der inszenatorischen Schlichtheit an, die den Zuschauer, der zunächst in einen gefühlten Fernsehsessel gesetzt wurde, laut kreischend in die derbe Realität der künstlerischen Fiktion zurückholten. Der Knochenmann ist eine Spur gemeiner als die ersten beiden Brenner-Krimis, denn er ist weitaus weniger witzig, was nicht bedeutet, daß es diesmal nichts zu kichern gibt – Gott bewahre. Josef Bierbichler etwa gibt den suspekten Hendlschlachter in gewohnt bodenständiger Tiefenschärfe, die bereits bei einem kleinen Augenzwinkern morbide Abgründe erkennen läßt. Josef Hader als Privatdetektiv Brenner ist diesmal deutlich ruhiger und weniger schnippisch als gewohnt, was an der Thematik auszumachen ist: Der Brenner ist nämlich verliebt. Der Rahmen für diese Geschichte ist wunderbar gewählt, befindet man sich doch diesmal nicht in Salzburg oder Wien, sondern im österreichischen Niemandsland, wo die Autos getuned sind und die Jugend sich zum Faschingsball beim Hendl-Brater Löschenkohl trifft.

Die sich exponentiell nach oben schaukelnde Gewaltspirale, die der Film entfacht, setzt subtil ein. Die Muffigkeit des Milieus macht Murnberger durch eine zwar karge, aber hoch vitale Inszenierung spürbar. Zigarettenqualm und Schnapsgeruch scheinen durch den Kinosaal zu schleichen, während Brenner als Fremdkörper im Gasthaus des dubiosen Wirtes den Ortsansässigen durch seine bloße Anwesenheit zur Gefahr zu werden droht.

Die Qualität des Films, der einen hinreißenden Showdown im Stile der frühen Coen-Brüder aufzuweisen hat, ist seine Schlichtheit. Die Spannung entsteht schleichend, nicht narrativ, und leider sind die wenigen Szenen, die das sich ankündigende Tohuwabohu zu rechtfertigen suchen, etwas beliebig und reißen die ansonsten nahezu als Kammerspiel ausgelegte Handlung etwas aus seiner Fassung. Das Team hat sich diesmal zur Reduktion entschieden, doch leider traute man sich dies nicht in seiner vollen Radikalität zu. Die Szenen im und um das Wirtshaus Löschenkohl, die einen großen Teil des Films einnehmen, sind atmosphärisch sehr gelungen. Die etwas altmodische Elektronikmusik der Sofa Surfers pluckert unheilverkündend vor sich her, und die wie immer etwas kontrastüberladene Optik rückt das Geschehen in das surreale Korsett, das es benötigt, um nicht albern zu wirken – doch am Ende bleibt ein leicht schales Gefühl zurück. Man hat einen guten Film gesehen, der so eigen hätte sein können wie der noch immer unübertroffene Erstling Komm, süßer Tod, doch die letzte Konsequenz zur absoluten Krimiperle geht leider in einem Tick Überfrachtung verloren. So bleiben am Ende großartige Schauspielerleistungen von Josef Hader, dem gewohnt starken Josef Bierbichler und Birgit Minichmayr, aber auch darstellerische Tiefpunkte wie der sichtlich überforderte Christoph Luser, der den Sohn des Hendl-Wirts Löschenkohl unangenehm gestelzt gibt. Doch nicht zuletzt aufgrund der doch überwiegend tollen atmosphärischen Szenen gehört dieser Film selbstverständlich ins Kino. Mit Fernsehen hat das nichts zu tun. 2009-02-20 14:40

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