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Milk

USA 2008. R: Gus Van Sant. B: Dustin Lance Black. K: Harris Savides. S: Elliot Graham. M: Danny Elfman. P: Focus Features. D: Sean Penn, Josh Brolin, Emile Hirsch, Diego Luna, Alison Pill, Victor Garber, Denis O'Hare u.a.
128 Min. Constantin ab 19.2.09

Evolution Revolution Love

Von Jakob Stählin Das Problem von Gus van Sants früheren Versuchen an massentauglichen Filmen, wie etwa Finding Forrester oder Good Will Hunting waren weniger die inszenatorischen Schwächen als die bloße Zeichnung der Themen. Es war schlicht ein Regisseur am Werk, der zwar wußte, was er zu erreichen suchte, jedoch in seiner Beliebigkeit allzu oft den Faden verlor. Dieses Dilemma hat van Sant jedoch mit seiner Todestrilogie beiseitegefegt, hat statisch anmutende, weitestgehend improvisierte und für amerikanische Verhältnisse nahezu kostenlose Werke produziert, die selbstverständlich nicht stets funktionierten – dazu waren Gerry, Elephant, Last Days und auch der Nachzügler Paranoid Park einfach zu offen. Doch gerade dieser Faktor macht ihren Reiz aus; maßlose Hingabe eines Filmemachers, der mit einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein sein Ding unbeirrt durchzieht.

Harvey Milks Geschichte ist die Geschichte einer Lebensaufgabe, die im konservativen Amerika der 1970er Jahre einem Menschen natürlich allen Schneid abverlangt, der aufzubringen ist, und so wird der Politiker, der eigentlich stets Aktivist bleibt und tollpatschig tänzelnd die einschüchternd galanten Treppen des San Franciscoer Rathauses hinaufstakst, von Sean Penn sehr aufwühlend interpretiert. An dieser Stelle wird nun gerne gesagt, er spiele die Figur nicht, nein, der Schauspieler sei die Figur gewesen. Da dies jedoch Schwachsinn ist, sei an dieser Stelle das weitaus größere Kompliment ausformuliert: Sean Penn spielt sich um Kopf und Kragen, grimassiert, gestikuliert und gibt dem Helden eine stringente, aber fiktive Note.

Milk ist ein Projekt, das jahrelang lanciert wurde und in seiner jetzigen Drehbuchfassung von seinem Autor Dustin Lance Black nach all dem Schwitzen sicherlich in Stein gemeißelt beim Studio eintraf, doch es verwundert keineswegs, daß man sich gerade Gus van Sant als Regisseur ins Boot holte, denn nicht nur ist die Schwulenbewegung ein Thema, das selbigem bekanntermaßen am Herzen liegt, sondern Harvey Milks Erbe steht für eben jene Aufrichtigkeit und Unbeirrbarkeit, die so vielen, insbesondere den oft verwirrend dogmatischen Independent-Filmemachern, fehlt, van Sant jedoch in den letzten Jahren aus jeder Pore quollen. So werden auch in Milk unzählige inszenatorische Spielereien hie und da eingestreut; die ansteigende Euphorie und entgegenwirkende Intoleranz werden jedoch im klassischen Erfolgsgeschichtenstil inszeniert. Die Schauspieler, allen voran natürlich Sean Penn und der abermals starke Josh Brolin als sein Politkollege und späterer Mörder Dan White, fühlen sich sichtlich wohl in ihren Rollen. Emile Hirsch etwa gibt einen jungen Homosexuellen mit leidenschaftlichem Augenzwinkern, während James Franco zum ersten Mal über seine Rolle als gutaussehender junger Mann hinausgeht und als Lebensgefährte Harvey Milks gar die eine oder andere Szene zu stehlen vermag.

Überraschend kurzweilig, aufwühlend und vor Emotionalität strotzend rauscht der Film vorbei: eine Leichtigkeit, die van Sants Filme immer ausgezeichnet hat, seien sie in der jüngeren Vergangenheit noch so ernst und minimalistisch gewesen. Er ist als Regisseur angekommen, hat seinen Stil gefunden, und so verwundert es nicht, daß er fernab jeder Arroganz sich in den entscheidenden Momenten selbst zitiert, denn aus all der Improvisation und Spielerei, die in seinem Œuvre stattfanden, seien sie aus dem katastrophalen, aber interessanten Versuch, Psycho nachzudrehen, oder in den unzähligen Drehtagen, die er einst mit Laiendarstellern verbrachte, um deren reale Stimmung einzufangen, resultiert, kulminiert nun ein Gespür für Filmsprache, die in ihrer Schlichtheit wohl selten – vor allem im amerikanischen Kino – anzutreffen ist. Eine schwebende Kamera verfolgt Dan White im Rathaus auf seinem Weg zum Doppelmord, und plötzlich denkt man an das Massaker und die Unschuld der Jugendlichen in Elephant. Der Schwarze Peter wird weder in Dustin Lance Blacks Drehbuch noch im fertigen Film plump den Schwulengegnern zugeschoben, sondern vielmehr wird ein grundsätzliches gedankliches Problem ausgemacht, welches nur mit Bildung ausgemerzt werden kann. So erscheinen in den Internetforen zu Milk Aussagen bigotter Menschen, die ihre Intoleranz durch die Evolution zu rechtfertigen suchen: Das hat nichts mit Boshaftigkeit, sondern mit blankem Unwissen und antrainierter Dummheit zu tun. Doch Milk ist weder ein Film für Schwule noch will er Mission betreiben, sondern ist Kino für Menschen, die das Kino lieben, die es brauchen und durch seine Rezeption rechtfertigen. Dieses Mainstreamwerk ist einerseits der Stachel im verschwitzten Konterfei des amerikanischen Independentfilms, ist jedoch gleichermaßen dessen Lebensversicherung, und der soeben erwähnte spekulative Faktor, der mit jedem Film einhergeht, sei er durch Internetforen oder durch tatsächliche Kritik gewährleistet, verhallt in schierer Banalität, denn jede Analyse eines so schmachtenden Leinwanderlebnisses kann nur banal sein. 2009-02-18 13:24

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