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Revanche

A 2008. R,B: Götz Spielmann. K: Martin Gschlacht. S: Karina Ressler. P: Prisma Film- und Fernsehproduktion, Spielmann Film. D: Michael-Joachim Heiss, Johannes Krisch, Andreas Lust, Irina Potapenko, Ursula Strauss, Johannes Thanheiser u.a.
121 Min. Movienet ab 12.2.09

Der Wald und die Lichtung

Von Felix von Boehm Alex hackt Holz. Immer mehr. Immer öfter. Immer schneller. Es ist wahrscheinlich die subtilste und gleichzeitig die genaueste Charakterbeschreibung, die Götz Spielmann mit diesem mehrfach wiederkehrenden Bild in seinem neuen Film Revanche von seinem Protagonisten Alex liefert. Der Mann mit der Axt ist so kalt wie gutherzig, so brutal wie liebevoll: Denn das Holz, das er voll Inbrunst und Aggression zerlegt, wird seinen alternden Großvater im Winter wärmen – zumindest ist es dafür bestimmt.

Jene Widersprüche eines Mannes zwischen vierzig und fünfzig Jahren legt der Film allmählich frei. Dabei erscheint Alex zunächst jedoch alles andere als ambivalent. Er hat ein klares Ziel und eine klare – wenn auch irrwitzige – Vorstellung davon, wie er dieses Ziel erreichen will: reißausnehmen aus dem Wiener Rotlichtmilieu, in dem er als rechte Hand eines Zuhälters und seine Freundin Tamara als Prostituierte arbeiten. Ein Banküberfall soll die Flucht finanzieren.

Während Alex eine Bank in der österreichischen Provinz nahe seines Heimatdorfs leerräumt, fällt seine ukrainische Freundin dem tumben Dorfpolizisten Robert auf. Als Alex zum Wagen zurückkehrt, hat der Polizist sie bereits in ein Gespräch verwickelt. Alex bekommt Panik, der Polizist feuert auf den Fluchtwagen, Tamara verblutet auf dem Beifahrersitz.

Ausbrechen wollte er, eingebrochen ist er. Wie gelähmt verläßt Alex die Landstraße und steuert den Wagen in die dichten Wälder seiner Kindheit. Er findet Unterschlupf auf dem Bauernhof seines alternden Großvaters und hilft ihm, den heruntergekommenen Hof in Schuß zu halten. Ob sein Ausbruchsversuch wirklich gescheitert ist, darauf will Spielmann keine eindeutige Antwort geben. Viel eher zeigt er, wie sich Alex immer tiefer in den Wäldern seiner Kindheit verirrt und dabei bis ins Schlafzimmer der Supermarktkassiererin Susanne vordringt, in dem er sich vor einem Mann verstecken muß, vor dem er schon einmal geflohen ist.

Klug organisiert Spielmann dabei das Wissen seiner Figuren übereinander und bietet dem Zuschauer stets genügend Raum, an ihren Verhältnissen und Emotionen zu zweifeln. Dabei kann man ihm jedoch nicht vorwerfen, seine Figuren nicht ausreichend zu charakterisieren. Irina Potapenko hat für ihre Rolle mehrere Wochen in einem Bordell gearbeitet, der Burgtheater-Schauspieler Johannes Krisch, der mit Revanche sein erfolgreiches Leinwanddebüt erlebt, hat zur Recherche wochenlang einem Zuhälter assistiert. Für Spielmann selbst sind die in Revanche beschriebenen Gefilde auch nicht unbekannt: In Antares erzählte er die Geschichte einer Supermarktkassiererin, die – ähnlich wie Susanne – ihren Mann durch ein Kind an sich binden möchte, sein Theaterstück »Imperium«, das 2006 von Gerhard Willert am Linzer Landestheater uraufgeführt wurde, ist eine Milieustudie der Bordellszene. So erzählt Spielmann in Revanche aus einer abgeklärten Perspektive und mit einer strengen Klarheit und Distanz, die den Kinozuschauer weniger unterhält als anstrengt. Über seine Regiearbeit sagt er, er lasse seine Figuren ins Unglück rennen, um ihnen dabei mit der Kamera hinterherzulaufen. Im Falle von Revanche läuft Kameramann Martin Gschlacht hinter den Figuren her und bleibt dabei ebenso distanziert und abgeklärt wie der Regisseur. Das ist nicht unbedingt publikumsfreundlich, hinterläßt beim Zuschauer am Ende jedoch vielleicht ein ähnlich kathartisches Gefühl wie bei Alex, als er den letzten Holzscheit spaltet.

In Zeiten, in denen das österreichische Kino mit Stefan Ruzowitzkys Die Fälscher als bester ausländischer Film mit einem Oscar ausgezeichnet wird und Michael Haneke mit seinem US-Remake von Funny Games auch die amerikanischen Kinosäle in Angst und Schrecken versetzt, mutet Götz Spielmanns Revanche auf den ersten Blick wie ein österreichisches Kammerspiel an. Provinziell ist der Film dabei jedoch nicht, denn Spielmann spricht genuin menschliche Themen an. Und so führt Revanche den Zuschauer am Ende zu den interessanten Lichtungen im dunklen Wald und den irrenden Alex zu sich selbst.

Revanche wurde unter anderem mit dem Label Europa Cinema als bester europäischer Film im Panorama der Berlinale 2008 und mit dem Großen Diagonale Preis als bester österreichischer Kinofilm ausgezeichnet. 2009-02-09 11:48

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