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Juha

FIN 1999. R,B,S: Aki Kaurismäki. K: Timo Salminen. M: Anssi Tikanmäki. P: Sputnik. D: Sakari Kuosmanen, Kati Outinen, André Wilms, Markku Peltola, Elina Salo u.a.
78 Min. Euro Space ab 15.3.99

I hate John Wayne

Eine Begegnung mit Aki Kaurismäki anläßlich seines Stummfilmes Juha

Von Thilo Wydra Wolken ziehen vorüber – das war 1996. Seitdem hörte man nichts mehr von Finnlands Kultregisseur, Rekord-Trinker und -Melancholiker, Aki Kaurismäki (41). Mit dem in Schwarzweiß gehaltenen Stummfilm Juha liefert er nun seine neueste Regiearbeit ab, ein kleines poetisches, melancholisches Werk, und konnte bereits auf dem diesjährigen Internationalen Forum des jungen Films einen äußerst beachtlichen Erfolg verbuchen.

Mit Aki Kaurismäki zu sprechen ist stets ein kleines Abenteuer: Nie weiß man, in welchem Stadium der fluiden Nahrungsaufnahme er sich befindet, also vereinbart man das Treffen möglichst so um die Mittagszeit herum, in der Hoffnung, ihm noch einige kohärente Sätze entlocken zu können. Aber 14 Uhr war wohl doch schon recht spät! Die Bierflaschen stehen auf dem kleinen Rundtisch trübselig umher, die längst georderte Weißweinflasche will nicht kommen, der Zigarettendunst steigt stetig auf. Aki Kaurismäki zählt inzwischen zu Ulrich Gregors Forums-Stammgästen: „Ich mache mir nichts aus kommerziellen Erfolgen. Ich mag es auch nicht, an Wettbewerben teilzunehmen. Nach Berlin kam ich wegen des Forums – da bin ich ja immer.“ Die insgesamt sechs Vorführungen von Juha waren denn auch allesamt ausverkauft, Karten wurden gehandelt und waren vielbegehrt, und sicherlich hätte man auch noch weitere Vorführungen füllen können, und Herr Kaurismäki wäre erneut nach vorn gekommen, um das wißbegierige Forums-Publikum erheitert und verstört zugleich zurückzulassen. Einmal, da führte er wahre Tänze mit dem Mikrofon und seinem viel zu langen Kabel vor, und sobald die Forums-Mitarbeiterin eine Frage an ihn richtete, setzte sich Aki besser hin, stand lediglich für die mitunter schwer verständlichen Antworten auf. Bei unserem Gespräch stand er nur einmal auf: „Sehen Sie, was hier passiert: Habe bisher keinen Weißwein bekommen! Ich muß jetzt meinen Wein bekommen, ansonsten kann ich mich nicht mehr auf Sie konzentrieren.“ Aki Kaurismäki steht auf, geht zur Hotelbar und fordert erneut seine Flasche Weißwein. Dann kommt er an unseren Tisch zurück. „Jetzt müßte gleich der Wein kommen.“ Die Bedienung kommt, serviert den Wein und stellt die Flasche auf den Tisch. „Ich frage mich, wieviele Stunden sie für ihr Make Up gebraucht hat.“ Also beginnen wir nochmal – die Frage, warum er just Juhani Ahos 1911 erschienenen Roman adaptiert hat, wo es doch bereits drei Leinwand-Versionen gibt, wäre ebenso zu beantworten wie jene nach den Film-noir-Elementen, der low-key-Lichtsetzung in seinem schwarzweißen, irgendwie zeitlos anmutenden Stummfilm. „Die Geschichte hat mich interessiert, diese einfache, klare Geschichte und meine Erfahrung damit. Das Grundthema ist: Frau und Mann. Das ist das Drama. Ehefrau und Ehemann. Das ist das schrecklichste Melodram, das ich mir vorstellen kann.“ Und weiter: „Alles ist Film noir, selbst wenn es in Farbe ist!“ – Aha! Nächster Versuch. In Juha gibt es Szenen, in denen Geräusche zu hören sind, das Anfahren des Autos etwa, das Schleifen des Messers, der Wind. – „Ich habe zunächst alle Geräusche aufgenommen, alles. Dann mußte ich während der Mischung wieder alles rausnehmen, fast alles, exakt 99% der Tonaufnahmen.“ Neben der Musik von Komponist Anssi Tikanmäki also auch der Ton als fragmentarische Untermauerung, und die Zwischentitel, die die asketischen Bilder von Stammkameramann Timo Salminen ergänzen. „Timo Salminen und ich, wir haben unsere Gewohnheiten, wir kennen uns. Warum sollte ich jemand anderen nehmen, warum wechseln? Wir sollten John Ford fragen, warum er immer mit John Wayne drehte. Weil er nur gut in Western war! Aber über Wayne verliere ich besser kein Wort mehr, ich hasse John Wayne. Wayne hat bewiesen, daß man ein Idiot und ein guter Schauspieler sein kann. Übrigens, Clint Eastwood versucht das auch, but no chance!“ – „Wo sind wir stehengeblieben? Ach ja, am Drehbuch habe ich übrigens 14 Stunden gesessen, nachdem ich drei Jahre lang darüber nachgedacht habe.“ – „Kennen Sie eigentlich den Unterschied zwischen Sean Connery und Clint Eastwood? – Sean Connery ist ein Mann!“ – Prost, Aki! 2009-02-02 11:40

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