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Glaubensfrage

Doubt. USA 2008. R,B: John Patrick Shanley. K: Roger Deakins, Matt Turve. S: Dane Collier, Dylan Tichenor. M: Howard Shore. P: Scott Rudin Productions. D: Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Viola Davis, Joseph Foster, Lloyd Clay Brown u.a.
104 Min. Disney ab 5.2.09

Nichts Neues unter der Sonne

Von Sebastian Gosmann Beweise gibt es keine. Der Prozeß, zu dessen Durchführung sich Schwester Aloysius berufen fühlt, beruht ausschließlich auf Indizien. Und doch erscheint uns ihr Handeln als durchaus gerechtfertigt. Durch ihre Lebenserfahrung, ihre Menschenkenntnis, ihre Art, die Dinge zu sehen. Der beschuldigte Flynn, Gemeindepfarrer und Sportlehrer in Personalunion, raucht, nimmt gern drei Stück Zucker in den Tee, benutzt Kugelschreiber statt Federhalter, trägt seine (wenn auch gepflegten) Fingernägel gern etwas länger und ist zu allem Überfluß auch noch Anhänger des im Entstehungsprozeß befindlichen, reformistisch angehauchten Zweiten Vatikanischen Konzils; kurz: ein Hallodri. Wenn nicht gar der Teufel selbst. Das eigentliche Motiv für ihren gnadenlosen Kreuzzug, das Wohl des ersten und einzigen schwarzen Jungen an der von ihr geführten Schule, verliert sie angesichts der von ihrem Vorgesetzten ausgehenden ideologischen Bedrohung zusehends aus den Augen.

Drei Einstellungen genügen, um die ersten Zweifel unter die Zuschauer zu bringen: eine Nahaufnahme von Meryl Streeps strengem Gesicht, eine Halbnahe des aufblickenden Philip Seymour Hoffman und die Halbtotale eines Kirchenfensters, in dessen Zentrum das (allwissende) Auge Gottes prangt. Aus ihnen schustert Editor Dylan Tichenor die Rechtfertigung für Schwester Aloysius’ (noch) unbestimmten Verdacht zusammen und macht den Zuschauer damit schon früh zu unfreiwilligen Komplizen der bärbeißigen Ordensfrau. Diese höchst manipulative Montagesequenz stellt nicht nur die Unschuld des bis dahin so sympathischen Pfarrers zur Disposition und damit das notwendige Mißtrauen her, um die Erzählstrategie dieser Theaterverfilmung möglichst wirksam aufgehen zu lassen. Ebenso gibt sie deren inszenatorische Marschrichtung vor, welche Regisseur John Patrick Shanley dann auch konsequent einhält.

So setzt er bei der filmischen Ausgestaltung seiner moralinsauren Parabel immer wieder (und fast ausschließlich) auf die suggestive Kraft – angesichts seines Schauplatzes freilich naheliegender – zumeist religiöser Metaphern, deren eher bescheidenes Kreativitätsniveau allerdings in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrer Präsentationsweise steht, welche, guten Gewissens, als aufdringlich bezeichnet werden kann. So nutzt er den stets präsenten, im Verlauf des Plots nahezu biblische Ausmaße annehmenden Sturm, der im Jahre 1964 (nicht nur) durch die New Yorker Bronx weht, recht plump zur Versinnbildlichung des von Schwester Aloysius mit Argwohn beäugten politischen und gesellschaftlichen Wandels. Ebenso ungeniert läßt der Regisseur, nicht unweit des Paters, eine Krähe Platz nehmen oder – gleichsam unheilschwanger – Glühbirnen durchbrennen. Und doch verfehlt diese bewußt einfach gehaltene Bildsprache ihre Wirkung nicht, welche hauptsächlich darin besteht, den Verdacht gegen den Pfarrer immerfort zu erhärten, um der Schwester – und damit uns – eine Anstandslektion aufs allzu wachsame Auge zu drücken, welche so manchem Kinogänger unwillkürlich eines von Aloysius’ zahlreichen Credos ins Gedächtnis rufen wird, das da lautet: »There is nothing new under the sun.« Doch auch, wenn Shanleys Botschaft keine sonderlich spannende ist, der Weg dahin ist es allemal.

Denn die messerscharfen Wortgefechte zwischen den beiden klerikalen Kontrahenten, die schon seinem Theaterstück allerhand Lob einbrachten, machen auch die Verfilmung des Stoffs zu etwas Besonderem. Daß deren glänzende Darsteller in den rhetorisch oftmals brillanten, immer aber fesselnden Dialogen John Patrick Shanleys ebenfalls vollends aufgehen, ist der zweite Grundpfeiler des Films (und auf zwei Beinen läßt sich ja bekanntlich stehen). »Where is your compassion?«, hören wir den routiniert zwischen feuchtäugiger Verzweiflung und unbändigem Zorn changierenden Hoffman fragen. »Nowhere you can get at it!«, gibt die schmallippige Meryl Streep eiskalt zurück, deren meisterliches Mienenspiel, mit dem sie – so scheint es – ganz nebenbei ihre Figur bis ins letzte Detail auszudefinieren vermag, einen derart hohen Unterhaltungswert besitzt, daß man sich Glaubensfrage schon dieser kleinen Sensation wegen nicht entgehen lassen sollte. Ebenso wenig wie die rührende Darstellung der immer wieder fantastischen Amy Adams, die als empfindsame und grundnaive (eine wahrlich unvorteilhafte Kombination) Jungschwester mit bebender Unterlippe zwischen den übermächtigen Fronten gnadenlos zermalmt zu werden droht. 2009-02-03 13:53
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