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Der Architekt

D 2008. R,B: Ina Weiße. B: Daphne Charizani. K: Carl-Friedrich Koschnick. S: Andreas Wodraschke. M: Annette Focks. P: Reverse Angle. D: Josef Bierbichler, Matthias Schweighöfer, Hilde van Mieghem, Sophie Rois, Sandra Hüller, Lucas Zolgar u.a.
93 Min. Neue Visionen ab 5.2.09

Der Naturbursche

Von Tamara Danicic Auf der Fahrt in das abgelegene Tiroler Bergdorf ihrer verstorbenen Schwiegermutter blickt Eva Winter auf die tief verschneite Berglandschaft um sie herum und konstatiert: »Ich hasse die Natur.« Dementsprechend dürfte sie es begrüßen, daß nicht nur ihr Vater und ihr Mann Architekten sind, sondern auch Sohn Jan diesen Berufsweg eingeschlagen hat. Schließlich sind Architekten prädestiniert, Land einzufrieden und für den Menschen behausbar zu machen.

Für Eva ist das Heimatnest ihres Mannes definitiv unbewohnbares Terrain. Zuviel Alpenkulisse und »zuviel Stille«, wie sie erklärt. Aber auch Georg ist geflüchtet, bis ins ferne Hamburg. Manchmal verfolgt ihn nach wie vor die Furcht, aus seinem Dorf nicht mehr rauszukommen, bis in seine Alpträume. Und tatsächlich, einmal angekommen, gibt es für die dem Land entfremdeten Stadtmenschen kein Entrinnen. Nicht vor der Natur da draußen – und schon gar nicht vor sich selbst. So treibt Georg seine Frau und seine Tochter Reh einmal splitterfasernackt durch den meterhohen Schnee. Später, als das Kartenhaus der scheinbar intakten Familie bereits zusammengekracht ist, wird Reh nur knapp dem Erfrierungstod entgehen. Mehr noch, die Regisseurin Ina Weisse ersetzt eine diffuse metaphysische Macht des Schicksals durch die Macht der Natur. Kaum daß die Leiche seiner Mutter unter der Erde ist, will Georg zusammen mit seiner Familie die geordnete Flucht aus dem Ort eines scheinbar abgelegten, vergangenen Lebens antreten. Doch eine niedergegangene Lawine versperrt die einzige Zufahrtsstraße. Das Dorf wird zur »Huis clos«. Dort warten die verheimlichte Geliebte Hannah sowie der aus dieser Beziehung hervorgegangene uneheliche Sohn Alex.

Ans Tageslicht gezerrte Familiengeheimnisse vor malerischer Alpenkulisse – das läßt schnell an Hierankl denken. Zumal wenn erneut Sepp Bierbichler im Auge des familiären Orkans steht. Allerdings fehlt die pompöse Geste hier völlig, das Drama dräut viel weniger laut, und Weisse setzt darauf, daß sich die innere Bewegung der Figuren auch mittels kleiner Gesten Gehör verschafft. Im Grunde genommen erzählt Der Architekt eine Anti-Entwicklungsgeschichte. Gesagtes oder Getanes läßt sich zwar nicht rückgängig machen, doch ändert es etwas? Die Enthüllung bricht wie eine Lawine über die Familie Winter herein, ohne die einzelnen Figuren auf Dauer aus der Bahn zu werfen. Schon gar nicht Georg, den wenig geselligen, starrköpfigen Grantler. Daß er es bis zum renommierten Architekten gebracht hat, verdankt er vor allem der Schützenhilfe seines Schwiegervaters und nicht irgendeiner antrainierten gesellschaftlichen Geschmeidigkeit. Über seine Herzbeschwerden redet er ebenso wenig wie über sein Doppelleben. Doch gerade, daß er nicht aus seiner Haut kommt, daß auch er nur eingesperrt ist in seiner ganz eigenen menschlichen Natur und einer Welt, die nie die seine geworden ist, macht ihn letztlich zu einer Figur, mit der man Mitleid hat. Die einzige Möglichkeit des Ausbruchs für ihn ist die Flucht nach draußen. Und so zieht es ihn immer, wenn sich sein angeschlagener Gesundheitszustand in Erinnerung ruft, auf die verschneiten Lichtungen in der Umgebung seines Heimatdorfes. Die Kamera fängt ihn dann ein als kleine Gestalt inmitten der weißen Landschaft, die ihn zu verschlucken droht. Und wenn es am Ende kurz so aussieht, als hätte er etwas über sich und die Menschen in seiner Umgebung gelernt und als würde er sich tatsächlich endlich zu seiner Vergangenheit bekennen, da ist es längst zu spät. 2009-02-02 11:50

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