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Die wilden Hühner und das Leben

D 2008. R,B: Vivian Naefe. B: Thomas Schmid, Uschi Reich, Cornelia Funke, Marie Reich. K: Peter Döttling. S: Christian Nauheimer. M: Niki Reiser. P: Bavaria Filmverleih/Produktion. D: Michelle von Treuberg, Lucie Hollmann, Sonja Gerhardt, Zsa Zsa Inci Bürkle, Jette Hering, Jeremy Mockridge u.a.
112 Min. Constantin ab 29.1.09

Milde Hühner

Von Natália Wiedmann Die Stärke des ersten Wilde Hühner-Films war nicht nur die Präsentation einer Bande unterschiedlicher Mädchentypen und somit die Bereitstellung einer größeren Auswahl an Identifikationsangeboten, als es sonst für junge Kinogängerinnen üblich ist. Die besondere Stärke lag vor allem darin, daß neben der Idylle von Gruppenzusammenhalt und gelingender Freundschaft (auch zu Jungs), neben dem Bandenquartier als locus amoenus, als elternfreier Raum mit seinen Ritualen, Geheimnissen und Abenteuern auch die Alltagsschwierigkeiten der Hühner und Pygmäen ihren Platz fanden, ohne verharmlost zu werden, aber auch ohne die Kinder oder ihre Geschichte unter ihrer Last zu erdrücken. Vor dem Hintergrund ihrer Hilflosigkeit, ihrer Wut und inneren Konflikte konnte die Stärke, der Mut und der Idealismus der eingeschworenen Banden Kontur gewinnen.

Die Wilden Hühner und die Liebe, erste Fortsetzung des auch kommerziell erfolgreichen Hühnerfilms blieb leider qualitativ hinter diesem zurück – nicht zuletzt, da man besonders bei der Figur der »schönen Melanie« etwas zu tief in der Klischeekiste wühlte; immerhin aber machte die unaufgeregte Thematisierung gleichgeschlechtlicher Liebe einige Fehlgriffe wieder wett. Nun aber hat es ganz den Anschein, als habe die Filmemacher genauso der Mut verlassen wie ihre jungen Protagonisten. Nicht genug, daß die Chance vertan wird, nach der überstandenen Bandenkrise, ausgelöst durch Wilmas Gefühle, auch ihr wieder eine Beziehung zuzugestehen und Homosexualität nun nicht als Problem, sondern Alltag zu inszenieren, auch befremdet der Umgang mit der möglichen Teenie-Schwangerschaft. Mag man auch die grenzenlos naiven Reaktionen der Protagonistinnen auf die Nachwuchsankündigung verzeihen und auf das Alter der Figuren zurückführen, unverzeihlich bleibt, das Austragen einer Schwangerschaft mit anschließendem Mutterdasein nicht als Entscheidung zu präsentieren, nicht als eine Möglichkeit unter anderen. Mit einer derart an der Oberfläche verbleibenden, konfliktscheuen Abhandlung ist niemandem geholfen, den Heranwachsenden nicht und dem Spannungsbogen erst recht nicht.

Ein bißchen Schwangerschaft, ein bißchen Gruppendruck, ein bißchen Eifersucht und ein bißchen Alkoholmißbrauch, Wilde Küken, die ein bißchen plakativ den falschen Pfad einschlagen und sich verirren, ein bißchen Sexualität, die in die Handlung platzt wie ein ungebetener Partygast – von allem nur ein erträgliches Bißchen, fast als habe man Angst, den Zuschauern zuviel zuzumuten, es zu Konflikten kommen zu lassen, die sich nicht mehr dramaturgisch eskamotieren lassen. Appetithäppchen für die Großen, klein genug, um sich nicht daran zu verschlucken, mild genug, um auch von den Kleinen noch gut verdaut zu werden. An diesen kraftlosen Kompromissen krankt der ganze Film. Zwar ist es diesem nicht anzulasten, daß die Probleme nicht gelöst, sondern aufgeschoben oder auf Erwachsene verschoben werden, im Gegenteil. Aber da es nie wirklich ernst wird, ist auch nichts wirklich ernstzunehmen – selbiges suggeriert nicht zuletzt die fröhlich-idyllische Hauptmelodie, die unbekümmert durch den Szenen hüpft und lustig vor sich hinpfeift. Nebenbei wird »das Leben« auf ein totum pro parte reduziert und mit der viel beschworenen Liebe synonym gesetzt: Einzig die beziehungslose Wilma schmiedet Karrierepläne, Gruppenengagement zeigt sich nur bei albernen Streichen gegen drei aufmüpfige Fünftklässlerinnen, eine weitere traurige Veränderung gegenüber den Vorgängerfilmen.

Was für die inhaltlichen Aspekte gilt, deckt sich mit dem Rest der Inszenierung: Nichts tut sich hervor und kaum etwas eckt an. Zwar wirkt Benno Führmann als Lehrer Grünbaum reichlich verkleidet und Michelle von Treuberg gibt eine ungewohnt hölzerne Sprotte, auf deren einstige Wut und Ungestümheit man vergeblich wartet (die Figur wird buchstäblich lahmgelegt), die Leistungen der anderen (Jung-)Schauspieler können sich aber durchaus sehen lassen, insbesondere das leise Spiel von und zwischen Lucie Hollmann und Vincent Redetzki alias Frieda und Willi.

Insgesamt ein zwar nicht würdiger Abschluß dieser Filmreihe, der so unsicher und sprunghaft wirkt wie seine Protagonisten selbst, den Fans aber solide und leicht konsumierbare Unterhaltung bietet. Und daß den Figuren und Geschichten ein Dasein als Schatten und Schablonen beschieden bleibt, ist als Statement zum »Leben« gar nicht mal so schlecht. 2009-01-27 12:50

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