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Teenage Angst

D 2008. R: Thomas Stuber. B: Holger Jäckle. K: Peter Matjasko. S: Philipp Thomas. M: Matthias Klein. P: Filmakademie Baden-Württemberg. D: Franz Dinda, Niklas Kohrt, Janusz Kocaj, Michael Schweighöfer, Stephanie Schönfeld, Michael Ginsburg u.a.
63 Min. Salzgeber ab 29.1.09

Böse, freie Geister

Von Susan Noll Am Anfang ist es ein Fluß, der durch den Farbfilter der Kamera nicht blau und durchsichtig erscheint, sondern dunkel und mit einem schweren, goldenen Schimmer durch eine gebirgige Landschaft irgendwo in Deutschland fließt. Darüber eine langsame, melancholische Musik, die einen traurigen Rhythmus in sich trägt. Schon die ersten Bilder dieses Films entzünden eine Atmosphäre, in der viel Spannung und Bedrohung schwingt. So auch der Blick auf die herrschaftliche Burg, die als Eliteinternat Jungen reicher Eltern beherbergt und sich hoch und drohend über der Kamera erhebt. Hier sollen die jungen Männer zu sozial verantwortungsbewußten Menschen erzogen werden, Disziplin und Ehrenamt kennenlernen und verinnerlichen. Aber die Abgeschlossenheit der Schule bringt ihre ganz eigenen Dynamiken zustande und formt nicht nur freie, sondern auch böse Geister. Vier Jungen tun sich zusammen und gründen einen Geheimclub, der den strengen Regeln des Internats abschwört und stattdessen Freiheit zelebriert. Eine Freiheit, die aber nicht in ungehemmtem Gedankenaustausch, sondern in Gewalt kulminiert. Die jungen Herren nehmen sich, was sie wollen, sie sind es nicht anders gewohnt, die Schule hat ihren Zweck verfehlt. Sei es das Mädchen aus dem Dorf, dem nachts aufgelauert wird, oder die Lust am Schlagen, alles wird mit einer Radikalität und Konsequenz ausgeführt, die keine Erklärung findet.

Darauf setzt der Film, er versucht nicht, das Verhalten der Jungen aus einem festen Kontext wie der Verzogenheit der reichen Kinder heraus zu legitimieren. Auch wenn die Isolation des Internats als Rahmen präsent bleibt, so ist sie doch nicht mehr als ein Tableau, vor dessen Hintergrund sich die Ereignisse abspielen. Vielmehr beobachtet der Film die Eskalation und zeigt, wie jede einzelne Figur mit Gewalt umgeht, sich abwendet oder immer tiefer in den Strudel gerät. Die Ästhetik erzeugt dabei ihren eigenen Sog: Die dunkel gefärbten, sinnlich glänzenden Bilder machen das Brennen auf Ausbruch, die Lust an der Grenzüberschreitung, den Schmerz und die Angst spürbar. In diesen Bildern und den Dialogen, die überhöht, aber nie lächerlich von den überzeugenden Jungdarstellern gesprochen werden, manifestiert sich eine Losgelöstheit der filmischen Situation von der realen Motivsuche für die vielbeschworene Jugendgewalt. An manchen Stellen klingen homosexuelle Zuneigungen zwischen den Protagonisten an, die eine Abhängigkeit suggerieren. Vielmehr steht aber der Wunsch nach Zugehörigkeit zur Gruppe im Vordergrund, der die Gewalt für sie ertragbar macht. Am Ende des mit 63 Minuten recht kurzen, aber dramaturgisch erstaunlich geschlossenen Films bleibt nur eine Gewißheit: Gewaltbereitschaft ist etwas Archaisches, sie steckt tief in den Menschen. Erklären kann man sie nicht. 2009-01-26 16:30

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.
© 2012, Schnitt Online

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