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Stilles Chaos

Caos calmo. I 2008. R: Antonello Luigi Grimaldi. B: Nanni Moretti, Laura Paolucci, Francesco Piccolo. K: Alessandro Pesci. S: Angelo Nicolini. M: Paolo Buonvino. P: Fandango, Rai Cinema. D: Nanni Moretti, Valeria Golino, Alessandro Gassman, Isabella Ferrari, Hippolyte Girardot, Silvio Orlando u.a.
105 Min. Kool ab 29.1.09

Sitzblockade

Von Sebastian Gosmann Nur einen flüchtigen Blick auf Lara können wir erhaschen, bevor ein weißes Laken über ihrem leblosen Körper ausgebreitet wird. Nicht nur über die genauen Umstände ihres plötzlichen Todes erfahren wir wenig, ebenso bleibt unklar, welcher Art die Beziehung zu ihrem Mann Pietro war. Hat er sie vielleicht nie wirklich geliebt? Doch so befremdlich dessen Reaktion, oder eher: Nicht- oder Un-Reaktion, auf diesen – so sollte man meinen – herben Verlust anfänglich auch wirken mag, gerade die (un)heilvolle Ruhe und die merkwürdige Abgeklärtheit des Pay-TV-Managers sind es, welche dieser vom famos aufspielenden Sympathiebolzen Nanni Moretti verkörperten Vaterfigur gar noch liebenswertere Züge angedeihen lassen. Unmerklich weicht das Pietro gegenüber gehegte Mißtrauen zusehends der Überzeugung, daß da wohl eher etwas mit Lara, diesem unbekannten Wesen, nicht gestimmt haben muß. Doch des Rätsels Lösung liegt noch woanders.

Zunächst wird Pietros Handeln einzig bestimmt von der Sorge um seine Tochter. Die Angst vor einem trauerbedingten Totalausfall treibt ihn unaufhörlich voran in seinem Bestreben, schnellstmöglich Strukturen zu schaffen, die ein Anknüpfen der Zehnjährigen an das Leben vor dem Verlust ihrer Mutter zumindest zulassen. Er verspricht, sich nicht vom Fleck zu rühren. Egal, wann sie aus ihrem Klassenfenster blicke, er werde immer da sein; down in the park. Fortan verbringen Vater und Tochter nahezu jede Minute miteinander. Pietro fühlt sich wohl in dem kleinen Park vor der Schule. Der Zuschauer nimmt dankend mit Platz und wird in den kommenden eineinhalb Stunden Zeuge zahlreicher wirklich anrührender Momente, insbesondere zwischen Vater und Tochter. Er erlebt einen angenehm unaufgeregten, verträumten, auch humorvollen, als Problemfilm getarnten Wohlfühlfilm; wäre da nicht diese verstörend lange Sexszene, die vom Vatikan bereits offiziell für anstößig befunden wurde und in der Tat ziemlich schmutzig geraten ist. Unangenehm zwar, für die Gespielin auf der Leinwand wie für den Betrachter davor, aber überaus heilsam für Pietro, und aus dramaturgischer Sicht geradezu unentbehrlich.

Daß nach und nach der (gefühlte) gesamte Bekanntenkreis Audienz an der Parkbank hält, Pietro am Ende gar den Big Boss in seinem Freilichtbüro willkommen heißen darf, läßt die Geschichte langsam vom Boden der Realität abheben und legt auf ebenso charmante wie unwirkliche Weise den zutiefst humanistischen Kern von Sandro Veronesis zugrunde liegendem Roman frei. Irgendwann allerdings verläuft sich Stilles Chaos derart tief im undurchdringlichen Dickicht der Machtstrukturen des TV-Senders, daß selbst der aufmerksamste Zuschauer angesichts all der Namen, Gesichter und Führungspositionen kapitulieren dürfte. 2009-01-26 11:44

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.

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