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Derek

GB 2008. R: Isaac Julien. B: Tilda Swinton. K: Nina Kellgren. S: Adam Finch. M: Simon Fisher-Turner. P: Normal Films.
76 Min. Salzgeber ab 22.1.09

Don’t dream it…

Von Werner Busch Denken wir an Ken Russells The Devils: Ein totenweiß geschminkter Oliver Reed, der sich die Seele aus dem Leib spielt, schockierende Bilder, bevorzugt mit kahlgeschorener Nonnen, nackt und in sexueller Raserei begriffen. Und dann waren da noch diese höchst eigentümlichen, riesigen Sets. Als wäre einem römischen Thermen-Architekten ein Bildband mit Walter Gropius’ Bauhauswelten in die Hände gefallen und hin und wieder hätte ihm Hieronymus Bosch über die Schulter geschaut und ein paar Tips gegeben. Diese Bühnenbilder sind die ersten Spielfilmarbeiten des späteren Regisseurs Derek Jarman, der mit Filmen wie Sebastiane oder The Tempest zur gefeierten Ikone der avantgardistischen britischen Filmkunst wurde; antinaturalistiches Historienkino für eine unverbauchte, selbstreferentielle Bildsprache. Die Liebe zur Kunst, die er als Filmemacher, Autor, Maler, Bühnenbildner, bildender Künstler und nicht zuletzt Gärtner auslebte, ist genauso Antriebsfeder seines Schaffens wie die Liebe zu Männern. Erst wer die Schlußszene von The Tempest gesehen hat, weiß, wie schwul eine Filmsequenz überhaupt sein kann.

Kurz bevor Tilda Swinton mit ihrem Freund Christoph Schlingensief, einer Kamera und Udo Kier auf einer Hallig in der Nordsee herumschschweifte, hatte sie ihre erste Spielfilmrolle in Jarmans Caravaggio absolivert. Das war 1986, das Jahr in dem bei Jarman AIDS diagnostiziert wurde. Bis zu seinem Tod 1994 spielte die auch privat eng mit Jarman befreundete Schottin in allen seinen weiteren Filmen mit. Nicht verwunderlich also, daß in dem filmischem Porträt zu Jarman Tilda Swinton die zweite Hauptrolle hat. Sie rekapituliert aus ihrem Text »Letter To An Angel«, einer Elegie auf Jarman aus dem Jahr 2002. Wir sehen Swinton in Jarmans Garten vor seinem Haus in Dungeness, später in London, ihren Monolog fortführend, auf Brücken und Straßen wandelnd. In diesen kurzen Sequenzen mit Swinton immer wieder auch kurze eingefügte Szenen mit dem Regisseur Isaac Julien im Derek-Jarman-Archiv. Fotos betrachtend, zwischen riesigen, meterhohen Regalen schlendernd.

Das ist die Meta-Ebene, der Blick von außen, den sich der Regisseur für seinen Film gestattet. Die kurzen Szenen und Sequenzen mit Swintons Off-Kommentar kreisen um den Kern dieses Filmsystems, ein bislang unveröffentlichtes Interview mit Jarman aus dem Jahre 1991. Es ist ein ausführliches Interview, eine Art Lebensbeichte, von der Kindheit und dem Muff der 50er in die bunte Welt der Swinging Sixties an der Kunstakademie. Jarmans Selbsterzählung wird durch historisches, seltenes Bildmaterial abwechslungsreich visualisiert. Private Fotos, private Filmaufnahmen, Behind-The-Scenes-Fotos und Filmaufnahmen, Fernsehberichte, Reportagen, Dokumentationen… Vom befreienden Flower-Power-Aufbruch der 60er in die Sex- und Drogenwelt der 70er, zur britischen Punkbewegung, zur AIDS-Hysterie der 80er, das Thatcher-Dekret, stilbildende Pionierarbeiten im Bereich Musikvideo… Derek ist nicht nur ein Porträt von Jarman, es ist über sein Werk auch ein Porträt von nicht weniger als vier Dekaden britischer Zeitgeschichte.

Bei einer Laufzeit von nur 75 Minuten kann dies nicht unproblematisch sein. Auch wenn nichts Wesentliches ausgelassen wird, ist Derek inhaltlich unzweifelhaft nicht mehr als ein Einstiegsfilm. Es ist ein umfassendes Bild, das im Film gezeichnet wird, aber viele wichtige Lebensstationen, über die man gerne mehr erfahren hätte, werden nur kurz angerissen. Aber der Kürze des Films entspricht die inhaltlichen Kurzweil.

Keine Kratzer im Bild, kein Rauschen im Ton stören bei den Interviewszenen mit Jarman. Genauso frisch wie das Bildmaterial wirkt auch Jarman, das Interview hätte auch in der vergangenen Woche entstanden sein können. Da ist die Meta-Ebene mit Swinton, deren Name nicht ungroß auf dem Plakat prangt, nicht nur Zweck, sondern auch Notwendigkeit, um dem Zuschauer bewußt zu machen, daß dieser lebensreiche Mann bald nun fünfzehn Jahre tot ist. Seine Lebendigkeit über den Tot hinaus, wie sie sein letzter eigener Film Blue für die meisten wohl nur unzureichend noch zu transportieren wußte, ist hier sehr stark spürbar. Genauso wie die Begeisterung und der Zuspruch für ein selbstbestimmtes Künstlerleben, vorbei an Konvention und Furcht: »Du hast deinen Geist und dein Wesen wirklich gelebt und für uns die Furchtlosigkeit des Künstlers verkörpert.« 2009-01-22 15:57
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