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Die verborgene Welt

The World Unseen. ZA/GB 2007. R,B: Shamim Sarif. K: Michael Downie. S: David Martin. M: Richard Blackford. P: Enlightenment Productions. D: Lisa Ray, Sheetal Sheth, Parvin Dabas, Nandana Dev Sen, Grethe Fox, David Dennis u.a.
93 Min. Pro-Fun ab 15.01.09

Die verborgene Welt bleibt verborgen

Von Ines Schneider Die Verborgene Welt der indischstämmigen Südafrikanerin Shamim Sarif spielt im Südafrika der 1950er Jahre. Darin kommen vor: die Situation indischer Einwandererfamilien, die, nach den damals üblichen Begriffen weder schwarz noch weiß, eine prekäre Sonderstellung im herrschenden System der Apartheid innehaben, die eigensinnigen Amina, die in dieser von weißen Männern dominierten Gesellschaft ein kleines Café führt, in dem die Hautfarbe keine Rolle spielt, und Miriam, die sich unter Aminas Einfluß zum ersten Mal gegen ihren lieblosen Gatten durchsetzt. Diskret wird auch eine Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen angedeutet. Durch den vorsichtigen Austausch von Gedichten öffnet die engagierte Amina ihrer neuen Freundin Miriam, Hausfrau und Mutter, die Augen für die in ihrer Umgebung allgegenwärtige Ungerechtigkeit. Sie bringt ihr bei, ein Auto zu fahren und ermöglicht ihr damit, eine Stelle in einem Café in Kapstadt anzunehmen, deren Eigentümerin Amina ist.

Mehr passiert in diesem Film nicht. Das Land der Apartheid und die Schicksale seiner Bewohner werden hier genauso zur idyllischen Kulisse degradiert wie in einer Degeto-Fernsehproduktion. Südafrika ist auch schon in den 1950ern ein kultiviertes, reiches Land. Es gibt keinen Grund, die Schönheit der Kapprovinz und ihrer Einwohner nicht zu zeigen. Doch die Filmemacher haben nicht mehr geschaffen als eine Abfolge hübsch arrangierter Bilder, in denen die bestehenden Konflikte nie wirklich lebendig werden. Die Arbeit im Haushalt, mit Kindern, in einem Gemischtwarenladen oder in einem Restaurant hinterläßt in der Regel Spuren, doch die beiden Hauptfiguren wirken immer so sauber und proper, daß der behauptete alltägliche Kampf unglaubwürdig erscheint. Wenn man täglich Gäste bewirtet, kann eine ungebändigte Lockenpracht wie Aminas nur stören. Man kann sich ebenfalls nicht vorstellen, daß eine Frau im ländlichen Südafrika über eine so umfangreiche (und kurze) Garderobe verfügt wie Miriam, auch wenn jeder neue Farbton ganz zweifellos die schönen Augen von Lisa Ray unterstreicht.

Je anmutiger die Frauen desto hölzerner die Dialoge. Jeder Konflikt wird formuliert, jede Veränderung ausgesprochen. Viel muß da gar nicht gesagt werden. Die Handlung des Films berührt nur oberflächlich die Verhältnisse, die so komplex waren, daß Südafrika nun schon seit fast 20 Jahren mit den Folgen ringt. Im Film leben die freiheitsliebende Amina, ihr Vater und später auch die sensible Miriam die Verständigung zwischen den Kulturkreisen und den Geschlechtern vor, ohne dadurch in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten. Gewiß, es sind brutale Buren zu sehen, die in ihrem gestapohaften Auftreten allerdings überzeichnet und eindimensional ausfallen. Es ist auch einmal von der Vergewaltigung und Unterdrückung von Aminas Großmutter die Rede. Doch die beiden Frauen trotzen den Gefahren. Offenbar beeindrucken sie ihre Gegner mit moralischer Stärke und ihrer Standhaftigkeit derart, daß man sie nicht weiter behelligt, wo andere Menschen halb (oder ganz) tot geprügelt werden würden.

Zweifellos stellt es für eine Frau, die unter der mehrfachen Unterdrückung durch die Apartheid, durch den Status als Einwanderer und durch die indische Tradition zu leiden hat, einen immens großen Schritt dar, Auto fahren zu lernen, einen Job auszuüben und sich Zeit für ihre Freundin zu nehmen. Aber wie groß, das kann der Film zu keiner Zeit vermitteln. Shamim Sarif, die hier ihren eigenen Roman verfilmte, läßt es die Protagonisten regelmäßig aussprechen, aber die Bedeutung der Sätze verliert sich in sonnendurchfluteter Landschaft und niedlich bunter Inneneinrichtung.

Auch die großen Melodramen von Douglas Sirk galten einmal als Kitsch. Doch auch wenn in All that Heaven Allows genau im richtigen Augenblick ein lebender Hirsch in der künstlichen Winterlandschaft des Filmstudios auftaucht, sind in Werken wie diesem auch grandiose Szenen gelungen: die Spiegelung von Cary Scotts Blick auf dem leeren Bildschirm des Fernsehers, den ihr ihre Kinder geschenkt haben, geht einem durch und durch. Heute wird Sirk imitiert, weil man die zerbrechlichen Hoffnungen der Charaktere hinter den dramatischen Wendungen erkannt hat. Bei François Ozon ist der Schnee zwar genauso künstlich, aber die Emotionen zwischen Catherine Deneuve, Fanny Ardant und Firmine Richard brennen deutliche Linien hinein. In Dem Himmel so fern mögen der Vorgarten noch so sauber und das Heim noch so adrett aussehen, Todd Haynes läßt Dennis Quaid mit einem einzigen »fucking« das ganze Ausmaß der Angst vor der Unkontrollierbarkeit der Gefühle ausdrücken. Die Verborgene Welt dagegen hat mehr mit Jon Avnets Grüne Tomaten gemeinsam, ein harmloser Film, in dem die Solidarität zwischen Frauen idealisiert wird und etwas Mut und Standfestigkeit schon ausreichen, um sich gegen die Macht der weißen Männer durchzusetzen.

In Sarifs Film läßt nur eine Episode erahnen, daß es im Südafrika der 1950er Jahre nicht genügte, unkonventionell und tapfer zu sein, um die eigenen Lebensvorstellungen durchzusetzen. Eine weiße Postbeamtin und Aminas schwarzer Geschäftspartner kommen gar nicht erst dazu, gemeinsam zu Abend zu essen. Ein weißer Streifenpolizist nimmt schon daran Anstoß, daß sich die beiden auch nur im selben Teil eines Raumes aufhalten. An die ersehnte Freundschaft oder gar eine Liebesbeziehung dürfen sie gar nicht erst denken.

Es ist nicht verwunderlich, daß ein DVD-Herausgeber namens »Pro-Fun Media« ein Feelgood-Movie auf den Markt bringt. Doch der Kampf gegen die Apartheid, die besondere Stellung der indischen Bevölkerung Südafrikas (eine Situation, die zum Ausgangspunkt von Mahatma Gandhis Widerstandsbewegung wurde) und auch die in dieser Atmosphäre aufscheinende Liebe zwischen zwei Frauen hätten eine tiefergehende Auseinandersetzung verdient. 2009-01-14 11:57

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