Er kam, sah und sägte
Von Nils Bothmann
1989 entwickelte Filmwissenschaftlerin Linda Williams das Konzept der Stellenlektüre, demzufolge Anhänger der Genres Pornofilm, Musical und Horror die Filme trotz immergleicher Handlungen rezipieren, da diese eben sekundär sind, sondern es primär um die »Nummern« geht, die von den Plots verbunden werden. Das von Williams beschworene Bild der Videodandys im Horrorbereich, welche die Werke von Carpenter, Argento und Romero ebenso rezipieren wie uninteressanten Schund, indem sie zwischen den Bluttaten vorspulen, mag etwas übertrieben sein und nur wenig Entsprechung in der Realität finden. Doch »Stellenlektoren« sind eine der beiden Zielgruppen, für die
Saw V noch ansatzweise geeignet ist – bei der zweiten handelt es sich um die ganz besonders hartgesottenen
Saw-Fans. Denn selbst für den geneigten Freund des Erstlings ist
Saw V nur schwer erträglich.
2004 war
Saw noch ein fieser, kleiner Thriller mit harten, aber nicht selbstzweckhaften Gewaltspitzen, doch die Sequels gingen zunehmend in immer derberen Blutszenen auf, vernachlässigten die Geschichte aber immer mehr. Gleichzeitig stemmt man mittlerweile binnen Jahresfrist jeweils einen neuen
Saw-Teil ins Kino, ein Output, von dem selbst die
Freitag, der 13te- und
Amityville-Reihen zu ihren besten Zeiten nur träumen konnten. Doch während man dort noch jeden Film einzeln rezipieren konnte, sind die
Saw-Sequels für eine Generation von DVD-Sehern kreiert; ohne Kenntnis der Vorgänger ist ein Einstieg in
Saw V kaum möglich.
Saw V ergeht sich – mehr noch als bereits
Saw IV – darin, diverse Szenen der Vorgänger aus neuen Perspektiven zu zeigen, dadurch umzudeuten und durch diverse Rückblenden massig Filmmaterial zu recyceln. Insofern werden die harten
Saw-Enthusiasten vielleicht freudig notieren, welches Detail ihnen hier und dort auffällt, den großen Nachteil des Ganzen allerdings übersehen: Für einen Mainplot nimmt sich
Saw V keine große Zeit. Fünf ausgesprochen unsympathische Fremde (darunter Julie Benz, die diesen Film nach zwei Staffeln
Dexter an sich nicht nötig hätte) müssen mal das mörderische Spießrutenlaufen bestehen und werden dabei dezimiert – die ursprüngliche
Saw-Idee der Sühne durch Selbstaufopferung blitzt da nur noch im Kleinen durch.
Insofern blicken Freunde einer spannenden Handlung ebenso in die Röhre wie Fans origineller Inszenierungen, denn Regiedebütant David Hackl, vorher Production Designer und Fallenerfinder bei den
Saw-Teilen zwei, drei und vier, kopiert ideenlos den Stil der Vorgänger: düstere Farbfilter, schnelle Schnitte und Reißschwenks im Dutzendpack, selbst in einigen ruhigen Szenen bis zum Exzeß verwendet. Doch selbst die »Stellenlektoren« werden bei diesem tristen Filmchen nicht ins Visier genommen: Den Mordszenen mangelt es an Intensität und Spannung, die der erste
Saw bot, allerdings schraubt man den Blutgehalt ebenfalls zurück – ein ehrbarer Schritt back to the roots, den der Rest vom Film leider nicht macht.
Saw V ist lustlos am Zuschauer vorbeigeschrieben und -inszeniert, und als wolle man das Desinteresse noch verbildlichen, rollt der Abspann direkt nach Verhackstückung des letzten Opfers los – nicht ohne zwei, drei offene Fragen für den bereits beschlossenen sechsten Teil zu lassen. Das ist aber nur der letzte Sargnagel für
Saw V, mit seinem dauernden Materialrecycling mehr Frechheit als Film an sich – ein unsägliches Werk durch und durch.
2009-01-13 11:55