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Strange Culture

USA 2007. R,B,S: Lynn Hershman-Leeson. K: Hiro Narita. M: The Residents. P: L5 Productions. D: Thomas Jay Ryan, Tilda Swinton, Peter Coyote, Josh Kornbluth, Steve Kurtz u.a.
74 Min. B.Film ab 15.1.08

People are strange

Von Daniel Bickermann Lynn Hershman Leeson ist eine der übersehenen Juwelenschmieden des Weltkinos – vermutlich, weil sie sich so tief in die Nische zwischen Videokunst und Independentfilm eingegraben hat, daß man ihre Werke über die üblichen Vertriebswege kaum noch zu Gesicht kriegt. In Deutschland hatte man dank der regelmäßigen Koproduktion von arte oder ZDF immerhin die Chance, eines ihrer unvergeßlichen Hirngespinste mal im Nachtprogramm zu erwischen, ansonsten vergrößert sich die äußerst exklusive Fangemeinde fast nur durch Mundpropaganda. Dabei vergißt man keinen ihrer Filme, wenn man sie mal gesehen hat: Die zeit- und medienübergreifende Cyber-Studie Conceiving Ada über die mittelalterliche Mathematikerin Ada Lovelace und ihre Wiedergeburt in der virtuellen Realität; das surreale SciFi-Vexierspiel Teknolust über biologische und digitale Viren und Welten; und jetzt eben das Gentechnologie-Kunst-Polit-Dokudrama Strange Cultures, das zeitgleich in ausgewählten US-Kinos und in der virtuellen Welt von »Second Life« gezeigt wurde – die Frau versteht sich auf Realitätsbrechungen.

Dabei handelt Leeson die wahren Begebenheiten um den Universitätsprofessor und Avantgardekünstler Steve Kurtz recht schnell ab, der mit einer Künstlergruppe in seinen Ausstellungen biogenetische Konzeptkunst als Kritik an der fehlenden Kennzeichnungspflicht für genetisch veränderte Lebensmittel inszeniert. Als seine Frau 2004 überraschend stirbt, stürmt das FBI die Wohnung, findet Petrischalen und klagt den Mann wegen des Besitzes von Massenvernichtungswaffen als Bioterroristen an. Was sich wie eine simple Paranoiagroteske anhört, nimmt immer absurdere Formen an: Denn auch, nachdem der Tod seiner Frau längst als simples Herzversagen geklärt ist, die Bakterien sich als harmlose und übers Internet bestellbare Forschungskulturen herausgestellt haben und die triumphal hervorgekramte arabische Schrift sich als Einladungskarte für eine libanesische Kunstausstellung entpuppt, läßt das inzwischen alarmierte Justizministerium keineswegs von dem Fall ab. Und nachdem der Fall jahrelang verschleppt wird, erläßt Präsident Bush 2006 plötzlich eine neue Gesetzgebung, die es möglich machen würde, Kurtz’ Fall ganz ohne die lästigen Beweise in Guantanamo zu verhandeln…

Diese Fakten des Falls läßt die Regisseurin in der ersten halben Stunde Revue passieren – teils in Talking-Heads-Aufnahmen der tatsächlich Beteiligten, teils in Spielszene mit Thomas Jay Ryan und Leesons engster Kollaborateurin Tilda Swinton (die schon in Conceiving Ada dabei war und in Teknolust gar eine Vierfachrolle angenommen hatte). Die unausweichliche Aufhebung der Realitätslinien findet erst nach dem doku-dramatischen Teil statt: Der reale Kurtz kommentiert die Darstellung des ihn selbst porträtierenden Ryan und freut sich, daß ausgerechnet Swinton seine Frau Hope spielt, die doch zeitlebens ein so großer Fan der Schauspielerin war. Die so gelobte Actrice wiederum fällt immer wieder aus der Rolle und kommentiert die Situation, woraufhin ein kurzer Untertitel »Tilda Swinton as herself« eingeblendet wird. Reales Nachrichtenmaterial und ein zum Fall veröffentlichter Comic vermischen sich; Peter Coyote liest das Statement eines mitangeklagten Biogenetikers vor, der Kurtz wissenschaftlich beraten hatte (»Peter Coyote as Dr. Robert Ferrell«) und gibt anschließend selbst eins ab (»Peter Coyote as himself«). Zeitgleich versucht ein (fiktionaler) Ersatzprofessor den verunsicherten (fiktionalen) Kunststudenten, die sich aus Angst vor dem FBI in keine Petitionsliste eintragen wollen, den McCarthyismus zu erklären, und die (realen?) Schauspieler reflektieren darüber, wie verwirrend es doch ist, diese Geschichte noch vor der seit Jahren verschleppten Gerichtsverhandlung – und damit ohne Abschluß – zu drehen.

Das alles klingt nicht nur etwas zerfahren, sondern ist es auch. Tatsächlich schleichen sich dieses Mal in Leesons mit 75 Minuten wieder sehr kurz geratenes Werk leider auch einige weniger überzeugende Stränge ein – wie die etwas pädagogisch wirkenden Spielszenen um zwei Kunststudenten, die sich allzu gestelzt über Bürgerrechte und Autoritätsangst unterhalten. Aber es gibt eben auch einige atemberaubende Gedankensprünge – wie Leesons finaler Argumentationspunkt, daß auch die Gerichtsverhandlung nur eine weitere Realitätsinszenierung sein wird, und daß die rechtliche Realität, die durch Sprache erschaffen wird, sich in den Begriffen »Schuld«, »Beweis« und »Gefahr« zunehmend von der alltäglich erfahrbaren Realität abkoppelt. Wer definiert diese Begriffe? Und wie kann man einen Mann des Betrugs anklagen, wenn es keine betrogene Partei gibt? Zusammen mit einem Fall, den man sich im kommunistischen China oder unter südamerikanischen Junta-Regimes vorstellen könnte, aber bisher nicht im beschaulichen Massachusetts, sorgt der Film dann doch für einiges politisches Unbehagen.

Der Richter sprach übrigens 2008, zwei Jahre nach der Entstehung des Films und vier Jahre nach den eigentlichen Vorfällen, nicht nur Kurtz von allen Vorwürfen frei, sondern lieferte Leeson auch nachträglich eine weitere juristische Realitätsdrehung an die Hand: Er befand, daß die inzwischen deutlich heruntergeschraubten Vorwürfe, mit denen die Staatsanwaltschaft Kurtz anklagte, kein Verbrechen darstellen würden. Wegen einer Tat angeklagt zu werden, die man nicht begangen hat, ist das eine. Aber wegen einer Tat angeklagt zu werden, die noch nicht mal illegal ist, dafür braucht es schon eine ganz besondere Stimmung im Land. What a strange culture, indeed. 2009-01-12 12:30
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