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Zeiten des Aufruhrs

Revolutionary Road. USA/UK 2008. R: Sam Mendes. B: Justin Haythe. K: Roger Deakins. S: Tariq Anwar. M: Thomas Newman. P: BBC Films, Scott Rudin Productions, Evamere. D: Leonardo DiCaprio, Kate Winslet, Michael Shannon, Kathy Bates, Zoe Kazan u.a.
119 Min. Paramount ab 15.1.09

So Fuckin’ Special

Von Kyra Scheurer Ein Roman darf das – ein Sittengemälde sein, ein Panoramabild gesellschaftlicher Realitäten zu einer bestimmten historischen Zeit und dabei wenig Handlung aufweisen, eben weil er pure Langeweile porträtieren oder demaskieren will. Dem Film fehlt die Innensicht der Prosa, und wenn er keine visuellen Entsprechungen findet für die sprachlichen Mittel, zeigt sich die innere Entwicklung seiner Charaktere ausschließlich in den Handlungen der Figuren.

Handlungsarmut bei wenig ausdrucksstarker Filmsprache ist aber eines der zentralen Probleme der Sam Mendes-Adaption des Romans »Revolutionary Road«, dessen Kernkonflikt zudem fatal nah an Mendes’ großem Erfolg American Beauty zu verorten ist. Glücklicherweise aber hat er in Kate Winslet eine großartige Frau, die unter der Regie ihres Mannes zu Höchstform aufläuft und gemeinsam mit Leonardo DiCaprio zwölf Jahre nach Titanic diesen Film rettet. Gemeinsam allerdings trifft es nicht: Es scheint nicht nur an der geschichtsimmanenten Figurenkonstellation sich entfremdender Eheleute zu liegen, daß die Chemie zwischen den beiden nicht stimmt. Jeder für sich aber leistet, was die Literatur vorgibt: die Spannung unter der Oberfläche spüren zu lassen, Brodeln genau wie Leere, das Abstrakte der Gesellschaft hinter dem konkreten Konflikt aufzuzeigen. Dank der Ausnahmedarsteller wird das Psychogramm einer Ehe genauso sensibel gezeichnet wie die Demontage des amerikanischen Vorstadtvorgartentraums in gebotener Brutalität betrieben. Allein aufgrund des Ausdrucks in Winslets Augen, des Krampfens der DiCaprioschen Hände spürt man szenenweise eine verdächtige Enge im Hals.

Davor und danach: Langeweile, allerdings nicht als Stilmittel. Denn die Grundkonstellation ist schnell erfaßt: Im Selbstbild überlegen individuelle Eheleute führen des Sachzwangs wegen (Kinder) ein konventionelles Vorstadtleben und sind mittlerweile nur noch in den Augen der Nachbarn etwas Besonderes. Frank, ein mit Männlichkeit und Vaterkomplex hadernder 30er auf dem Weg zum grauen Mann, April, eine in der Laienspieltruppe gescheiterte Ostküsten-Madame-Bovary – beide nebeneinanderher auf der Flucht jeweils vor sich selbst. Dann zieht April die Notbremse und gibt mit ihrem Plan, in Paris gemeinsam neu anzufangen, der Beziehung eine neue Wende. Leider glaubt man keine Sekunde an die Verwirklichung dieses Plans. Dennoch ist die Dramatik der Beziehung nach dieser Zeit echter Begegnung bei aller Vorhersehbarkeit schockierend: Nach deutlich zu langen ersten zwei Dritteln schöpft der Film sein Potential aus und läßt im Endspurt sogar fast logische Ungereimtheiten und aufdringliche Filmmusik vergessen. 2009-01-12 11:59

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.

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