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Ihr Name ist Sabine

Elle s'appelle Sabine. F 2007. R,B,K: Sandrine Bonnaire. B,K: Catherine Cabrol. S: Svetlana Vaynblat. M: Jefferson Lembeye, Nicola Piovani. P: Mosaique Films.
85 Min. B.Film ab 15.1.09

Dem Kind einen Namen

Von Tamar Noort Am liebsten liegt Sabine im Gras und schaut in den Himmel. Wenn man sie eine Weile beobachtet hat, ahnt man, daß so gut wie jede andere Tätigkeit sie restlos überfordert. Wird sie unsicher, ob ihre Schwester sie am nächsten Tag wieder besuchen kommt, stößt sie schrille Schreie aus. Speichelfäden seilen sich von ihren Mundwinkeln ab, sie beißt sich in die Hand. Sabines massiger Körper gerät in Wallung, die Augen blicken starr. Sabines Schwester heißt Sandrine – Sandrine Bonnaire. Sandrine Bonnaires erste Regiearbeit begleitet die 38jährige Autistin bei ihrem Alltag in einem kleinen Pflegeheim. Hierher kam sie nach fünf Jahren in einer geschlossenen Anstalt – und was wirklich schockiert, sind die Bilder Sabines, die vor diesem Aufenthalt in der Psychiatrie entstanden sind. Als Sabine noch bei ihrer Mutter lebte, spielte sie Klavier, las englische Bücher über Geographie und liebte es, zu verreisen. Wache Augen blicken abwechselnd in die Kamera und aus dem Flugzeugfenster, ein breites Grinsen verrät die Aufregung über die bevorstehende Landung in New York. Sabine ist nicht wiederzuerkennen: Sie ist eine hinreißende junge Frau. Was die Psychiatrie ihr angetan hat? Der Film läßt offen, was dort passiert ist. Fakt ist, daß Sabine fast alles, was sie mit 28 Jahren konnte, nach fünf Jahren verlernt hatte. Als ihre Geschwister sie aus der Klinik holen, steht sie unter ständigem Medikamenteneinfluß, kann sich nicht mehr alleine anziehen, sabbert und spricht nicht mehr.

Ein objektives Porträt ihrer Schwester ist Sandrine Bonnaire nicht gelungen – dafür zieht Sabine die Filmemacherin viel zu sehr mit hinein in das filmische Geschehen. Der Film zeigt die Beziehung Sandrines zu Sabine – und ist somit ein sehr persönliches Dokument geworden. Daß Bonnaire sich Vorwürfe macht, Sabine in die Psychiatrie gebracht zu haben, weil sie aggressive Züge entwickelte, das ist nicht zu übersehen. Der Film wirkt wie der Versuch, ihre Schwester zu rehabilitieren – und ihrem eigenen Schuldgefühl zu begegnen. Das unterstreicht der trotzige Titel Ihr Name ist Sabine – die ganze Welt soll wissen, daß hinter der abwesenden Autistin eine Frau mit einer Geschichte steckt. Einmal konfrontiert Sandrine Bonnaire ihre Schwester im Wohnheim mit den Aufnahmen von damals. Die Kamera bleibt auf Sabines Gesicht, als sie sich selbst betrachtet, jung, unbeschwert, voller Lebensgeist.

Sie reißt den Mund auf, Tränen springen ihr aus dem Gesicht, und ihr Weinen klingt, als käme es aus tiefster, tiefster Seele. Aus dem Off fragt Bonnaire, ob sie den Film ausmachen soll. »Nein«, antwortet Sabine, »ich weine vor Freude«. 2009-01-12 11:57

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.
© 2012, Schnitt Online

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