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Die dünnen Mädchen

D 2008. R: Maria Teresa Camoglio. B: Michael Bertl. K: Sophie Maintigneux. S: Heike Gnida. P: Chiaroscuro Filmproduktion.
90 Min. B.Film ab 15.1.09

Erbsenzähler

Von Daniel Albers Sie ist bekanntermaßen eine der gravierendsten Zivilisationskrankheiten: die Anorexia nervosa oder Magersucht. Dokumentarfilmerin Maria Teresia Camoglio hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, indem sie die befragt hat, die vielleicht am ehesten zur Aufklärung beitragen können: die Erkrankten selbst. Die dünnen Mädchen rückt auf unprätentiöse Weise ebendiese in den Mittelpunkt – ohne jedweden Kommentar. Das bewirkt, daß man tatsächlich hineingesogen wird in eine Parallelwelt. In eine Welt, in der sich erwachsene Menschen ganze Abende lang darüber streiten, wie viele Kalorien noch nötig sind, um das Tagespensum zu erfüllen. In der sie in Tränen ausbrechen, wenn sie erfahren, daß sie wenige hundert Gramm zugenommen haben. In einer Spezialklinik versucht eine Reihe junger Frauen teilweise seit vielen Monaten, ein Selbstwertgefühl zu erlangen, das es ihnen ermöglicht, von ihrer Sucht, möglichst wenig zu essen, loszukommen. Ursachen für ein Abrutschen in ein fernab von vernunftgesteuertem Denken ablaufendes Alltagsleben gibt es viele. Der Wunsch nach der Erfüllung eines extremen Schönheitsideals ist meist nur ein kleines Puzzleteil. Oft ist es eher der Ausdruck von großer seelischer Einsamkeit, eine mehr oder weniger unbewußte Erregung von Aufmerksamkeit für essentielle Nöte.

Wenn man Camoglios Stichprobenwahl Repräsentativität unterstellt, sind die Betroffenen häufig intelligente junge Frauen, die über ihr Verhalten sehr gründlich zu reflektieren wissen. Das Problem jedoch ist, daß sie aufgrund einer Art Entkopplung von Körper, Gefühl und Verstand aus ihren Erkenntnissen keine Konsequenzen für ihr Handeln ableiten können. Dieses Dilemma und die verzweifelten Versuche eines Entrinnens daraus versteht die Regisseurin sehr gut abzubilden. Sie maßt sich nicht an, aus ihren Beobachtungen Lösungsansätze abzuleiten – das Vertrauen jedoch, das sie bei den Protagonistinnen der Kamera gegenüber geschaffen hat, führt dazu, daß betroffene Angehörige in Die dünnen Mädchen vielleicht mehr Verstehenshinweise hinsichtlich des Denkens Magersüchtiger finden als irgendwo sonst. 2009-01-12 11:55

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.
© 2012, Schnitt Online

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