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The Boss Of It All

Direktøren for det hele. DK/S/F 2006. R,B: Lars von Trier. K: Claus Rosenløv Jensen. S: Molly Stensgaard. P: Memfis Film, Slot Machine, Zentropa. D: Jens Albinus, Peter Gantzler, Iben Hjejle, Jean-Marc Barr, Benedikt Erlingsson, Sofie Gråbøl, Anders Hove u.a.
99 Min. Alpha Medienkontor ab 15.1.09

Automavisionäres Kino

Von Esther Buss So grau, regional und unansehnlich The Boss of It All auch sein mag, dieser neue Film aus dem Hause von Trier ist im Grunde nichts anderes als ein Luxusartikel. Nach den beiden Brechtschen Lehrstücken Dogville und Manderlay kann es sich von Trier ja auch mal leisten, Scherze zu machen über das Arthouse-Kino und seine gesellschaftskritischen Ansprüche – »no preaching, no teaching«, wie der Regisseur kokett selbstreflexiv in einem kurzen Vorwort erklärt. Einfach mal einen Film machen, der nichts erzählt über Macht, Unterwerfung und Amerika und darüber, wie ein Regisseur Spaß daran hat, ein bißchen Gott zu spielen, indem er seinen Figuren dabei zusieht, wie sie sich gegenseitig fertigmachen. Nichts mehr und nichts weniger als eine »harmlose« Komödie: »Why not be playful with art?«

Natürlich kommt auch dieser Film nicht ohne eine neue Spielregel, ein neues Dogma aus. Die aktuelle Schnapsidee heißt »Automavision«. Dabei handelt es sich um ein computergesteuertes Verfahren, das den Kameramann bzw. die Kamerafrau ersetzt. Denn der Bildausschnitt wird einem Zufallsgenerator überlassen, der ihn nach bestimmten Zeitabständen wieder verändert, und das sieht so aus: unmotivierte Zooms, angeschnittene Schauspieler, Jump Cuts. Von Trier, der sich selbst als extremen Kontroll-Freak bezeichnet, behauptet, durch diesen Kamera-Autopiloten die Kontrolle über das Bild abzugeben, was natürlich absoluter Quatsch ist. »Automavision« ist Lars von Trier. Außerdem kann eine Kamera, die sehr konsequent schlechte Einstellungen wählt und den Zuschauer mit grottigen Bildern tyrannisiert, kaum antiautoritär wirken.

Der Film spielt nahezu durchgehend an einem Ort, einer tristen Büroetage, die fast noch deprimierender ist als das Setting der BBC-Serie The Office – eine Referenz, die bei der Idee des Films womöglich eine Rolle gespielt haben mag. Man sieht vor allem fahles Grau in den verschiedensten Schattierungen, auf Teppichböden, Kopiergeräten, Gesichtern. »Boss of It All«, das ist der Phantom-Chef einer dänischen IT-Firma, die der Eigentümer Ravn erfunden hat, um gegenüber seinen Angestellten unpopuläre Entscheidungen durchsetzen zu können. Als nun die Firma an den isländischen Investor Finn gewinnbringend verkauft werden soll, muß der »Boss of It All« sich leibhaftig zeigen. Der Schauspieler Kristoffer wird engagiert, um den Firmenchef zu spielen, dabei trifft er auch erstmals auf »seine« Angestellten, mit denen er, also Ravn, zuvor nur über E-Mail kommuniziert hatte, deren prekäre Inhalte Kristoffer nur ansatzweise erahnen kann. Kristoffer, nur mit zwei dürftigen Sätzen ausgestattet, befindet sich plötzlich buchstäblich im Improvisationstheater und das ausgerechnet in einer Arschloch-Rolle. Stellenweise erinnert The Boss of It All an die Dramaturgie von Reality-Comedy-Formaten. Es gibt eine unausgesprochene Komplizenschaft zwischen Zuschauer und »Falschspieler«, viel Leerlauf und Sprachlosigkeit, die Peinlichkeiten sind tatsächlich peinlich und werden auch nicht durch eine erlösende Pointe abgefedert. Man kann das eine Weile genießen, sehnt aber auch den Moment der Auflösung herbei. Bei von Trier ist das Spiel mit dem Spiel natürlich ungleich verschraubter, irgendwann wird ein »Boss of the Boss of It All« ins Geschehen geworfen, und bald kann man das Gewirr aus Rolle und authentischem Auftritt kaum mehr auseinanderhalten. Schließlich unterbricht der Regisseur immer wieder die Handlung und wendet sich durch kurze Off-Kommentare an den Zuschauer, etwa um sich über das Genre lustig zu machen oder auch einfach nur daran zu erinnern, daß er auch noch da ist. Am Rande läuft noch das Spiel Dänemark gegen Island, was ein eher regionaler Kalauer und in allen Anspielungen kaum zu verstehen ist. Am Ende entschuldigt sich von Trier sowohl bei denjenigen, die mehr, als auch bei denen, die weniger erwartet haben. Diejenigen, die mit dem Gezeigten zufrieden seien, hätten es auch verdient. Er muß eben immer das letzte Wort haben, der einzig wahre »Boss of It All«. 2009-01-12 12:01

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