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Warten auf Angelina

D 2008. R,B: Hans-Christoph Blumenberg. K: Klaus-Peter Weber. S: Florentine Bruck. M: Jorgos Psirakis. P: Feuerland Filmproduktion. D: Florian Lukas, Kostja Ullmann, Barbara Auer. Anna Brüggemann, Gudrun Landgrebe u.a.
89 Min. Farbfilm Barnsteiner ab 8.1.09

Nach uns die Sinnflut

Von Oliver Baumgarten »Komm, wir gehen!« »Wir können nicht.« »Warum nicht?« »Wir warten auf Godot.« »Ach ja.« Samuel Becketts vielschichtiges Bühnenstück »Warten auf Godot« gilt als einer der bekanntesten Kommentare zum Existenzialismus, in dem unter anderem der Sinn all unseres Daseins nicht gerade mit allzu großer Bedeutung beladen wird. Im Gegenteil: Der Mensch braucht einen Sinnstifter, andernfalls nimmt er sich den nächstbesten Abgott, tauscht Belanglosigkeiten aus und agiert vollmundig und gestenreich ins Leere. Aus sich selbst heraus kann er nun mal nichts mit sich anfangen, der Mensch.

Was »Warten auf Godot« also für den Existenzialismus, das ist Warten auf Angelina für die Popkultur: Selbige nämlich hat als Sinnstifter auch nur eine wahllose Flut von Prominenten anzubieten, an die so manch einer seine erbarmungswürdige Existenz klammert wie eine feuchte Socke an die Wäscheleine. Die beiden Hauptfiguren in Hans-Christoph Blumenbergs Satire auf den modernen Starkult jedenfalls möchten auf ihre Weise davon profitieren, als sie in derselben Berliner Dachgeschoßwohnung mit bestem Blick auf jene Wohnung landen, in die angeblich jeden Moment »Brangelina«, also Brad Pitt und Angelina Jolie, einziehen. Während Maik Tremper (kleine Hommage an den Klatschreporter und genialen Kolportagefilmer Will Tremper) als Profi-Paparazzo auf das Geschäft seines Lebens hofft, will Momme Ulmer mit einem Foto bei seiner Verflossenen punkten, die daheim auf der schönen Nordseeinsel Pellworm in den Armen eines anderen liegt. Unterbrochen von überraschendem Besuch warten sie denn also und warten und reden und warten.

Mit der bei seinen so wunderbaren Ausflügen ins Independentkino üblichen Klassebesetzung amüsiert sich Blumenberg köstlich über den Wahnsinn des Celebritygetues und gleichsam über die erschreckende Belanglosigkeit so manch aktueller Existenz. Anders als bei Beckett übrigens kommt der Blumenbergsche Godot am Ende tatsächlich. Sinn allerdings vermag auch er nicht zu stiften. 2009-01-05 11:55

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.

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