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Alter und Schönheit

D 2008. R,B: Michael Klier. K: Sophie Maintigneux. S: Katja Dringenberg. M: Laurent Petitgand. P: X Filme. D: Henry Hübchen, Burghart Klaußner, Armin Rohde, Peter Lohmeyer, Sibylle Canonica u.a.
97 Min. X-Verleih ab 8.1.09

Aus der Puste

Von Susan Noll Auf meisterhafte Weise hat Michael Klier es bisher verstanden, die Gemütszustände seiner Charaktere in der Kulisse, der Landschaft zu spiegeln. Ostkreuz zeigte eine ebenso karge und heruntergekommene Umgebung, wie die Seelen der Protagonisten auf der Suche nach Glück ausgebrannt sind. In Farland steht das Industriegebiet gleichfalls für die Verlassenheit und den Wunsch nach Aufbruch in eine bessere Zukunft, den sich auch die Hauptfiguren erträumen. Es sind eigentlich Nichtorte, an denen Kliers Geschichten spielen; abgeschnitten von einer äußeren Wirklichkeit füllen die Figuren sie mit ihrem eigenen Leben aus und geben ihnen Bedeutung.

In seinem neuen Film werden die Orte plötzlich ganz konkret; es sind Wohnungen, die Seelen beherbergen. Zunächst ist da das Hospiz, in dem der unheilbar kranke Manni ein letztes Mal seine alten Freunde um sich versammelt hat. Es ist ein Ort des Abschieds, und da die Männer in den besten Jahren alle unzufrieden mit ihrem Leben sind, ist es auch ein Ort des Umbruchs. Manni hat nur noch einen letzten Wunsch: Er möchte seine große Liebe Rosi, mit der er vor Jahren auseinandergegangen ist, noch einmal wiedersehen. Rosi ist schnell gefunden, sie wohnt immer noch in der gleichen Wohnung wie vor Jahren. In einem Plattenbau hat sie sich ihr eigenes Reich geschaffen, liebevoll und mit Hang zum Detail: An der Wand hängt ein Poster von Cassavetes’ Eine Frau unter Einfluß. Diese Anspielung ist fast schon zuviel für die vorsichtig eingeführte Figur, denn die Assoziationen, die sich daraus ergeben, werden in ihrer Ausgestaltung nicht eingelöst. Dieses Problem zieht sich durch den Film: Die Schauplätze sind vielversprechend und präzise, aber leider bleiben sie unausgefüllt. Denn das eigentliche Zentrum des Films – die Charaktere und ihre Geschichten – bleibt zugleich unscharf und überzeichnet. In den Dialogen wird versucht, ganz viel ganz schnell zu vermitteln, indem sie althergebrachte Phrasen verarbeiten, was hölzern und wenig aufschlußreich wirkt.

Weil die Figuren selbst also unscharf bleiben und auch der Dialog ihnen keine weitere Ebene zugesteht, können sie die präzise ausstaffierten Räume nicht ausfüllen und schon gar nicht beleben. Es bleibt nur ein Blick auf die Oberfläche. Diese hat ihre guten Momente, wenn Rosi ihre Zahnlücke entblößt oder die Freunde das wiedervereinte Paar vom Balkon aus beobachten und die Kamera diesen Augenblick mit einer weiten Einstellung einfängt. Ihnen fehlt aber leider das Fundament, das die Kraft hätte, wirklich anrührend zu sein. Erst in den letzten Einstellungen zeigt sich die Meisterhand Kliers: Hier nimmt er sich Zeit für Bilder einer Herbstlandschaft, um Mannis Lebensende zu vermitteln. Leider kommt dies etwas spät und hinterläßt das Gefühl, daß aus diesem Film viel mehr hätte werden können. 2009-01-05 11:56

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.

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