— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Perlmutterfarbe

D 2008. R,B: Marcus H. Rosenmüller. B: Christian Lerch. K: Torsten Breuer. S: Georg Söring. M: Gerd Baumann. P: d.i.e.film. D: Markus Krojer, Paul Beck, Zoe Mannhardt, Benedikt Hösl, Christoph Döring u.a.
100 Min. Constantin ab 8.1.09

Unterhaltsames Lehrstück

Von Sebastian Gosmann Das Ungemach mag vielleicht schon in den Knochen der einen oder anderen zwielichtigen Lehrgestalt stecken, doch ganz bis ins Herz der Weimarer Gesellschaft ist der bereits auf dem Siegeszug befindliche Nationalsozialismus im Jahre 1931 noch nicht vorgedrungen.

Ergo bleibt auch die Leinwand trotz der strikt in Erdfarben gehaltenen Bilder angenehm unbraun. Einzig ein verdecktes Hitlerkonterfei wird – für Sekunden nur – von einer eiskalten Windböe freigelegt und verweist mit direktem und doch ironischem Blick auf das historisch Gemeinte, dem sich der Film ansonsten ausnahmslos auf der symbolischen Ebene widmet – dafür aber umso deutlicher. So transportieren die Bilder des (wortwörtlich zu verstehenden) Klassenkampfs der A gegen die B, der anfangs noch weitgehend harmlos und auf ehrliche Weise – etwa mittels einer Schneeballschlacht – ausgetragen wird, später, wenn das Gefecht in den Gängen der oberbayerischen Schule im Nebel einer selbstgebastelten Rauchbombe untergeht, eine fast schon aufdringliche Kriegsmetaphorik.

Der bereits 1937 von der österreichisch-jüdischen Anna Maria Jokl im Prager Exil verfaßte, jedoch erst elf Jahre später veröffentlichte Kinderroman, dessen Titelzusatz »für fast alle Leute« auch den von den literarischen Vorlieben ihrer Zöglinge zumeist unterforderten Eltern selbstbewußt und gleichzeitig bescheiden ungetrübte (Vor-)Lesefreude verspricht, findet in Marcus H. Rosenmüller genau den richtigen Mann für eine adäquate Leinwandadaption. Dank seiner leichtfüßigen Inszenierung und dem spürbaren Willen, die Mechanismen komplexer sozialpsychologischer Phänomene, wie der Entstehung von Mitläufer- und Denunziantentum, eher auf spielerische denn belehrende Weise aufzudecken, gelingt es Rosenmüller auch mit diesem Film wieder, ebenso unterhaltsames wie anspruchsvolles generationenübergreifendes (Kinder-)Kino zu zaubern, und das wohlgemerkt, ohne Jokls ernsthaftes Anliegen je zu vernachlässigen. 2009-01-05 11:57

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap