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Die Reise des chinesischen Trommlers

Zhan gu. HK/D 2008. R,B,S: Kenneth Bi. K: Sam Koa. S: Isabel Meier. M: André Matthias. P: Twenty Twenty Vision, Kenbiroli Films. D: Jaycee Chan, Tony Ka Fai Leung, Roy Cheung, Josie Ho, Angelica Lee u.a.
117 Min. Neue Visionen ab 1.1.09

Die dezente Kraft chinesischer Symbolik

Von Kristina Schilke Es gibt zu viele Babes. Zumindest im Kino. In der filmischen Parallelwelt sorgen bei Mainstreamerfolgen oft und bei Independetproduktionen manchmal junge dünne, aber doch brusttechnisch gut ausgestattete und knapp ihre Körperformen bedeckenden Frauen für Schauwerte, erotische Schauwerte. Obwohl diese Babes nichts mit Erotik, eher etwas mit tumbem Sexappeal zu tun haben. Man hat sich jedoch daran gewöhnt.

Wie herzergreifend beruhigend mutet da das Gegenteil an. Das Gegenteil wie es auch in dem chinesischen Film Die Reise des chinesischen Trommlers gezeigt wird. Hier hat man nun endlich wieder den männlichen Körper zum anbetungswürdigen Kultobjekt erkoren. Und so schwitzen und meditieren, essen und arbeiten die Männer einer Zen-Trommlergruppe in den Bergen Taiwans mit freiem, rasiertem, äußerst angenehm trainiertem Oberkörper. Man möchte erleichtert aufatmen vor so viel östlichem Körperkult.

Die Geschichte ist eine klassische, eine von Selbstfindung, die Geschichte eines verlorenen Sohnes, nur das hier der Vater kein gutmütiges verzeihendes Element darstellt: Sid (Jaycee Chan, der Nachname ist kein Zufall) ist Schlagzeuger in den schicken, dunklen Nachtclubs Hong Kongs, sein Vater Kwan (Tony Leung) einer der führenden Mafiabullen der Stadt. Mit der jungen Freundin eines anderen dieser Bullen wird Sid unvorteilhaft erwischt und, um seiner Ermordung zu entgehen, vom Vater in die Verbannung geschickt, in die Provinz, sehr tiefe Provinz. Nach anfänglicher Langeweile hört Sid in den Bergen Taiwans, die einem Regenwald anmuten, Trommelklänge einer Zen-Trommlergruppe. Und ja, das ist die renommierte chinesische Truppe, U-Theatre. Ja, Sid wird junges wildes Mitglied dieser disziplinierten Musiker. Selbstverständlich muß er auf die harte Art Disziplin erlernen, durch tagelanges Steinesammeln und -tragen. Und letztendlich, ja, wie gedacht und schon öfter als oft gesehen, findet Sid eine völlig neue Seite an sich.

Das überraschende kommt erst jetzt: Trotz allem ist das sehenswert. Trotz des klassischen Plots; trotz einer in ihrer Psychologie unverständlichen Vaterfigur; trotz Sätzen wie »Der imposante Schlag der Trommel kann das Herz eines Menschen öffnen«, die klingen wie aus kleinformatigen Buddhismus-Geschenkbüchern; und ja, trotz den allzu offensichtlichen Symbolen und Parallelsträngen ist dieser Film sehenswert. Allein schon die Natur Taiwans und die für den Westen fremdartige Übungsdisziplin wie das kurze Schlagen ungehorsamer Beine mit einem Stock und die befremdende, zum Teil harte Lebensphilosophie und Lebensumstände lassen in vielen Momenten die unfaßbare Ruhe erahnen, die den Trommlern innewohnt.

Und wenn man ehrlich ist als westlicher Zuschauer, geprägt durch Hollywood und ähnlich geartetes, so muß man neidlos und demütig zugeben, daß man nicht das volle Recht hat, die arg offensichtliche Filmsymbolik zu kritisieren, da man wohl nie in der Lage sein wird, diese komplexe und weit reichende Kultur in ihrer Gänze zu verstehen, geschweige denn würdigen zu können. 2008-12-30 15:48

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