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Fightgirl Ayse

Fighter. DK 2007. R,B: Natasha Arthy. K: Sebastian Winterø. S: Kasper Leick. M: Frithjof Toksvig. P: Nimbus Film. D: Semra Turan, Nima Nabipour, Cyron Bjørn Melville, Behruz Banissi, Gao Xian u.a.
97 Min. Maxximum ab 1.1.09

Kampf der Kulturen

Von Daniel Bickermann Ein Film über eine türkisch-dänische KungFu-Kämpferin? Fightgirl Ayse ist ein Film der Überraschungen geworden. Die erste besteht darin, wie gut das Integrationsthema funktioniert. Wenn Ayse anfangs noch durch Kopenhagen rennt wie einst Lola durch Berlin, ständig zwischen den engen Terminen ihres dänischen Schülerinnendaseins und ihrer türkischen Famlilie hin- und herhetzend, und darunter die multikulturellen Beats toben, dann fürchtet man noch, die spielerische Leichtigkeit könnte bald im klischierten Sorgensumpf untergehen. Nichts da: Der Film zeigt nicht nur die strikten Kodizes, die in mancher türkischen Auswandererfamilie herrschen (und die nicht immer etwas mit Ehre zu tun haben), sondern auch die hingebungsvolle gegenseitige Liebe, die einen solchen Familienverband dann eben doch im Innersten zusammenhält. Aber auch das hilflose Aggressionspotential eines isolierten Alltags im Plattenbau ist spürbar – das hier ist kein süßlicher Akzeptanz-Konflikt, der sich mit ein bißchen Selbstbewußtsein wie von selbst löst. Ayse findet sich zunehmend in die Rolle des Objekts gedrängt, vor allem des Streitobjekts, und ihre körperliche Wehrhaftigkeit kann ihr da nur teilweise helfen – von einfachen Lösungen ist dieser Film meilenweit entfernt.

Der dritte Kulturkreis, der neben ihrer dänischen Umwelt und ihrer türkischen Familie in ihr Leben tritt, der asiatisch-disziplinierte ihres Kampfsports nämlich, bringt ihren bisherigen Drahtseilakt endgültig aus der Balance. Und sie ist nicht die einzige: Der türkische Starkämpfer Omar, ein radikaler Traditionalist, der den Großteil des Films als Aises Gegenspieler und Gegenstück zubringt, bis auch er überraschend vielfältige Facetten zeigen darf, hat seinen dänisch-türkischen Alltag zwar fest im Griff, fliegt aber wegen seiner reaktionären Anschauungen aus dem Kung-Fu-Club.

Es ist ein Film, der körperliche Antworten auf psychologische und kulturelle Fragen sucht und sie überraschenderweise auch überzeugend findet: Ayse lernt, den Blick zu heben. Omar lernt, seinen Ehrbegriff auf neue Situationen zu erweitern. Vor allem aber geht es um Kompensation, um Aggressionsabbau außerhalb des Persönlichen, um die Garantie eines fairen Kampfes im Leben und im Ring - und um die Frage, welche Kämpfe man annehmen muß und welchen man ausweichen darf. Daß der blonde Schönling Cyron Bjørn Melville als Kämpfer dabei eine deutlich bessere Figur macht als als ständig stirnrunzelder Liebhaber – geschenkt. Daß der vor und hinter den Filmkulissen bereits erfahrene Gao Xian (hier wieder in seiner typischen Doppelfunktion als Nebendarsteller und Kampfchoreograph) den strengen, aber fairen Kung-Fu-Lehrer inzwischen mit der linken Augenbraue spielen kann – gekauft. Aber daß Sadi Tekelioglu, im Hauptberuf Zeitungkolumnist und nur dank seiner Bekanntschaft mit Regisseurin Natasha Arthy und einem offensichtlichen Mangel an türkischen Schauspielern in Dänemark hier zu sehen, in seiner ersten Filmrolle einen derart subtile Glanzauftritt als traurig-autoritärer Vater abliefern würde, das war nun wirklich nicht zu erwarten. Vor allem aber imponiert die Leistung der jungen Semra Turan: Verschüchterte Abiturientin, trotzige Tochter, tapsige Verliebte und zunehmend selbstbewußte Kämpferin – eine so vielschichtige Rolle muß man erstmal hinkriegen. Das Presseheft gibt darüber Auskunft, daß die Hauptdarstellerin, eine hauptberufliche Kampfsportlerin, keine weitergehenden Schauspielambitionen hat: Nach dieser Darstellung ist das eine durchaus traurige Nachricht.

Was die Integration neuerer Martial-Arts-Strömungen oder –Moden angeht, so bleibt Fightgirl Ayse eher konservativ: Everybody’s Kung Fu Fighting. Dies allerdings geschieht mit erstaunlicher Eleganz: Gao Xian brennt ein fürs europäisches Kino ungewöhnlich stilisiertes Feuerwerk an Tricks, Kicks und sogar Wire-Fu ab, das durchaus mit dem realistischen Stil des Restfilm kontrastiert und durchaus auch Genrefans aufhorchen lassen wird. So wird aus Fightgirl Ayse ein Film, der die Tarkovski-Fraktion vielleicht nicht interessieren wird, aber als Genrekino ausnehmend gut funktioniert, an den richtigen Stellen überrascht und einige Schläge schwer in die Magengrube setzt. Und das ist ja durchaus eine Überraschung. 2008-12-31 14:35

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