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Christoph Schlingensief – Die Piloten

D 2008. R,B: Cordula Kablitz-Post. K: Christoph Lerch, John Toft, Frederic Doss u.a. S: Lars Billert. P: arte, ZDF, Avanti Media.
95 Min. Salzgeber ab 1.1.09

Der Spiegel

Von Werner Busch 1997, das Sat.1-Nachtprogramm. Es scheint sich um eine Art Talkshow zu handeln. Ein hektischer, nervös wirkender junger Typ mit Eraserhead-Gedächtnisfrisur, wohl der Moderator, bespricht in furchtbar patzigem Tonfall mit einem absonderlichen Gast abstruse Dinge. Das alles auf einer sich permanent drehenden Bühne. Dann klingelt plötzlich das Mobiltelefon des Moderators: »Papa? Das geht gerade nicht, ich bin inner Livesendung! […] Nein Papa, wirklich nicht, wir zeichnen doch gerade auf…« Der Moderator beginnt, durch das Studio zu laufen, wird immer wütender und brüllt schließlich ins Telefon: »Papa! Jetzt halt doch endlich mal die Schnauze!« Dann zerschmettert er das Ding.

Talk 2000 hieß dieser unreine Bastard einer Fernsehshow, der zu den Hochzeiten von Hans Meiser, Ilona Christen, Bärbel Schäfer und einer Myriade anderer Shows genau das in komprimierter Form zeigte, was ich an Talkshows bis heute schätze und was auch Leserbriefe damals treffend zu formulieren wußten: »Es ist für mich das Allermieseste, was je über TV gelaufen ist. Schwachsinnig, primitiv, ordinär, total schmutzig, menschenverachtend und beleidigend.« Mit einem Wort also: großartig. Das von den üblichen Shows nur halb erfüllte Lechzen nach Enthüllungen und Peinlichkeiten wurde hier endlich vollauf erhört. Und plötzlich erschien das, worauf man bei diesen Sendungen immer gewartet hatte, völlig abtörnend, widerlich und verquer. Schlingensiefs Talkshow-Simulation erfüllte alle Erwartungen, die man an das Format haben konnte, und führte sie so auf ihre verachtungswürdigen, aus niedersten Instinkten geborenen, menschlichen Ursprünge zurück.

Januar 2007, zehn Jahre später, Berliner Akademie der Künste, Schlingensief re-inszeniert Talk 2000 als »Die Piloten«. Eine Talkshow-Reihe, die nie ausgestrahlt werden wird. Ausschnittweise allein in der vorliegenden Dokumentation seiner TV-Stammregisseurin Cordula Kablitz-Post zu besichtigen. Ein ausführlicher Blick hinter die Kulissen wird erlaubt. Schlingensief privat, also? Als professioneller, kalkulierender Macher seiner Aktion? Keineswegs, irritierenderweise. Der lärmende Derwisch vor der Kamera erscheint im Produktionsbüro zwar meist milde, weise und abgeklärt, doch immer wieder blitzt messerscharf das hindurch, was wir als seine biestige Medien-Persona kennen. Der Künstler Schlingensief und der Mensch durchdringen sich. Eine nicht unschockierende Erfahrung. Das gespielte, gekünstelte Ich, das in der Sendung so »primitiv, ordinär, total schmutzig« agiert, das ist auch der Mensch Schlingensief. Etwas stärker im Pinselstrich, aber zweifelsohne dieselbe Person. Die Unteilbarkeit, die Ganzheit zweier verschiedener Welten wird vorgeführt. »Der Gast will manipulieren, aber er wird manipuliert. Wir verwenden die Bilder, die die Gäste nicht von sich sehen wollen. Wir legen die Manipulation offen«, sagt Schlingensief in die Doku-Kamera. Der Film versucht festzuhalten, ob er nicht selbst in seine eigene Grube fällt, seine unbewußte Selbst-Manipulation offenlegt.

Unmittelbar vor der vorletzten Sendung: Schlingensief eng umschlungen mit Claudia Roth, der Hella von Sinnen der Grünen, seinem Gast. Sein Vater liege im Sterben, erzählt er, er habe gerade den Anruf bekommen. »Ein Freund von mir ist heute erschossen worden«, sagt sie. Diesmal ist es keine Inszenierung, kein Spiel für die Doku-Kamera, die eng bei ihnen bleibt, als sie sich schweigend in die Arme schließen und fest an sich drücken. Beide fragen sich, warum sie dann trotzdem hier sind, um diesen Quatsch aufzuzeichnen, wo ihnen doch andere Dinge momentan soviel wichtiger sein müßten. Die vom Fiktiven durchzogenen, realen Menschen begegnen der Realität und flüchten als Reaktion in die Fiktion der »Piloten«. Sie machen die Sendung. Hier wird Schlingensief die Hand eines Darstellers halten, der spontan seinen sterbenden Vater mimt. Schlingensief wird die Dinge zu dem Darsteller sagen, die er im selben Moment in Oberhausen am Krankenhausbett zu seinem Vater sagen müßte. Ein Mitarbeiter aus dem Team ist schockiert: »Wenn dein Vater wirklich stirbt, willst du dann seinen Sarg auf die Bühne zerren?«

Etwas später in Schlingensiefs Berliner Wohnung: Die Doku-Kamera ist ganz nah bei ihm, als er über die Sendung spricht. Er beginnt, von seinen Gefühlen zu erzählen, als er diese falsche Hand seines Vaters hielt und daß er doch sofort nach Oberhausen hätte fahren müssen. Tränen unterbrechen seine Worte. Wir erleben einen unzweifelhaft echten Moment in einer Dokumentation. Dann blickt er wieder in die Optik des Aufnahmegerätes, in seinen Spiegel und sagt: »Ja, das ist ja jetzt auch scheiße, mit der Kamera ist das auch nicht echt.«

Juli 2007. Schlingensief hat den Medientheoretiker Boris Groys zu einer Vorführung der »Piloten« eingeladen. Sie schauen sich die Sendungen an, die nie ausgestrahlt werden. Sie diskutieren das Verhältnis zwischen Realität und Fiktion. Aber nur vermeintlich. Denn die Realität ist nicht eingebrochen. Schlingensiefs Vater hatte seine Krise überlebt. Die letzte Konsequenz hat nicht stattgefunden. Der Schlußsatz des Films, von Schlingensief an Groys gerichtet: »Danke, daß du da warst und ich dir diese Sachen zeigen konnte.« Hier endet der Film.

In der Realität ging er weiter. Die Realität drang in die Realität ein. Anfang 2008: Christoph Schlingensief erkrankt an Lungenkrebs. Sein Vater stirbt. Nach einer verzehrenden Chemotherapie und der Amputation eines Lungenflügels ist Schlingensief geheilt. September 2008: Die gefeierte Uraufführung des Oratoriums: »Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« bei der Ruhr-Triennale. Dezember: Der Krebs ist zurück: »Der Stand ist, daß ich circa zehn neue erbsengroße Metastasen habe in dem Lungenflügel, der mir nach meiner OP geblieben ist. Das sieht nicht gut aus.«

In der »Kirche der Angst« und im anschließenden »Zwischenstand der Dinge« hat Schlingensief seinen eigenen Tod bereits inszeniert. Bereits vollzogen. In seinen neuesten Inszenierungen und Interviews erleben wir einen neuen Schlingensief. Er klingt wie jemand, der bereits durch den Spiegel geblickt hat. Eine neue Ernsthaftigkeit spüren wir, neue Erkenntnisse und Einsichten schlummern nun im Kopf eines der begnadetsten deutschen Künstler. Dinge, die fernab vom schon vergessenen lauten und schrillen Fernsehkrawall früherer Tage sind. Leider liegt die Möglichkeit zur Artikulation all dieser Dinge nicht mehr in Schlingensiefs Händen allein. 2008-12-31 14:48
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