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So finster die Nacht

Låt den rätte komma in. S 2008. R,S: Tomas Alfredson. B: John Ajvide Lindqvist. K: Hoyte Van Hoytema. S: Daniel Jonsäter. M: Johan Söderqvist. P: EFTI. D: Kåre Hedebrant, Lina Leandersson, Per Ragnar, Henrik Dahl, Karin Bergquist, Peter Carlberg u.a.
114 Min. MFA ab 23.12.08

Liebe und Untod

Von Werner Busch Das Vampirtopos ist nicht zuletzt durch eine ganze Reihe von Filmen, die sich meist an einen schlecht lektorierten Bestseller namens »Dracula« anlehnten, unter einen Trivialitätsverdacht geraten. Auch durch seine verstärkte Miteinbeziehung in Rollenspielwelten in der jüngeren Vergangenheit, deren filmische Ausformungen dann ebenfalls in Filmen, wie z.B. Underworld, begutachtet werden können, wird das Vampirtopos zusehends aus den Tätigkeitsfeldern seriöser Kulturwissenschaft verwiesen.

Eine wahrhaft grausige Angelegenheit; rührt doch das Topos Vampir mit seinen Leben und Tod vereinenden Wesensmerkmalen, zu denen auch explizite Sexualität und die Liebe gehören, in komprimierter Form an elementarste menschliche Erfahrungswelten, an die Kern-Triebkräfte der conditio humana. Von Phlegons »Braut von Amphipolis« über die baltischen Berichte von im Grabe schmatzenden Leichen des 15. und 16. Jahrhunderts, die insbesondere im 18. Jahrhundert ihren massiven literarischen Niederschlag finden sollten, bis hin zu Norringtons Blade war es ein weiter Weg. Vieles blieb auf der Stecke.

Eine trostlose Siedlung in einem Stockholmer Vorort. Der Schnee und die eisige Kälte des schwedischen Winters halten die Menschen noch mehr als gewöhnlich in ihren Kästen gefangen. Der zwölfjährige Oskar, ein blasses, gemopptes Kind, trifft eines Nachts auf die gleichaltrige Eli, mit der er langsam eine zaghafte Freundschaft aufbaut. Elis – vermeintlicher – Vater geht derweil nachts auf die Pirsch, um Menschen zu ermorden und ihnen das Blut abzuzapfen. Denn Eli braucht dieses Blut, sie ist ein Vampir. Ganz ohne Netz und doppelten Boden, keine Shyamalanschen Montagesequenzen für den Schluß sind zu befürchten.

Das wirklich Großartige an So finster die Nacht ist nun, daß der Film verblüffend leichtfüßig zwei sehr verschiedene Dinge zusammenfügen kann: zuvorderst ein in ruhigen, unaufgeregten Bildern erzähltes Jugenddrama, melancholisch-skandinavisches Erzählkino in frostig-kalten Farben. Und dann auf der anderen Seite ein waschechter Vampirhorrorfilm mit ebenso waschechten Gore-Einlagen. Ohne weder das eine noch das andere zu verraten, schafft es der Film gleichzeitig, immer wieder großartige humoristische Spitzen zu setzen, die mal lakonisch-zurückhaltend und manchmal ausnehmend grotesk und frontal sind.

Daß die überraschenden Horrormomente immer wieder funktionieren, liegt nicht zuletzt in den sehr gekonnt umgesetzten Spezialeffekten begründet. Der Film ist technisch auf der Höhe der Zeit. Zu bemängeln ist lediglich, daß sich die Kameraarbeit von Hoyte Van Hoytema zu häufig mit extrem kurzen Brennweiten und den daraus resultierenden, sehr artifiziellen Bildern in den Vordergrund drängt. Die Künstlichkeit dieser Bilder arbeitet gegen den Realismus des Films. Das Zusammenfinden und Aufeinandertreffen dieses Realismus mit dem Phantastischen aber sind das Herz von So finster die Nacht. Davon abgesehen ist die Kameraarbeit absolut überzeugend und kann mit einer ganzen Reihe großartiger, poetischer Bilder bestechen, die das ruhige Erzähltempo unterstützen.

Seit Philip Ridleys Meisterwerk Schrei in der Stille ist dies der erste Vampirfilm, der die Bedeutung des zugrundeliegenden Topos richtig erkennt und es in eine feinfühlig erzählte Coming-of-Age-Geschichte implementieren kann. So finster die Nacht ist ein ungewöhnlicher, origineller und mutiger Film mit tollen Hauptdarstellern und einem herausragenden Finale. Noch gekonnter als in Pans Labyrinth prallen hier Phantastik und Realismus funkensprühend aufeinander. So finster die Nacht ist mehr als ein Geheimtip, es ist für mich der beste skandinavische Film seit Jahren. 2008-12-18 18:00

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