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Stella und der Stern des Orients

D 2007. R: Erna Schmidt. B: Martin Dolejs. K: Andreas Höfer. S: Karola Mittelstädt. M: Andreas Hoge. P: Kinderfilm. D: Laura Berschuk, Hanna Schwamborn, Julius Römer, Gabriela Maria Schmeide, Axel Prahl u.a.
87 Min. Farbfilm ab 25.12.08

Verpulverte Zeit

Von Natália Wiedmann Ein geheimnisvoller Schrank, eine Zeitreise, ein Schatz und eine brüchige Hängebrücke, drei clevere Kids und zwei leicht trottelige Ganoven. Man füge noch eine Prise Freundschaft hinzu, streue nach Belieben einige interessante, wenn auch nutzlose Informationen ein und vermenge die Zutaten zu einem lockeren Teig, bedecke das Gemisch großzügig mit Puderzuckerschnee für eine reizvolle Winteratmosphäre und – tata! – fertig ist ein Weihnachtsfilm. Doch nicht selten – wer selbst nicht sonderlich gut backen kann, wird das wissen – dient der Puderzucker einzig dem Zweck zu verbergen, daß der Debütkuchen nicht besonders gelang.

Als die zehnjährige Stella am Silvesterabend des Jahres 2005 in der alten Villa ihrer Familie eintrifft, führt ihre Neugier sie zielstrebig in einen Schrank auf dem Dachboden, in dem sie nach nur wenigen Filmminuten 100 Jahre in die Vergangenheit befördert wird und im Kinderzimmer ihrer Uroma Clementine landet. Ihr dortiges Auftauchen löst fast ebenso wenig Verwunderung aus wie ihre stundenlange Abwesenheit in der Gegenwart; schnell freundet sie sich mit Clementine und deren jüngerem Bruder Gustav an, die ihr vom bevorstehenden finanziellen Ruin der Familie erzählen – doch wie das Drehbuch es so will, stoßen die Kinder beim Herumstöbern auf eine Nachricht eines verstorbenen Onkels, der für Clementine einen Schatz hinterließ, zu dem ein Amulett sie führen soll. Natürlich überzeugt die aufmüpfige und lebhafte Stella sofort ihre braven Vorfahren dazu, sich trotz des väterlichen Verbots auf Schatzsuche zu begeben. Zu dumm nur, daß zwei Kleinkriminelle von der Sache Wind bekommen und sich an ihre Fersen heften. Und zu dumm nur, daß diese Ganoven nicht gefährlich genug sind, um für echte Spannung zu sorgen und nicht tollpatschig genug, um dem Publikum einige herzhafte Lacher zu entlocken, wozu sie durch Drehbuch und Inszenierung auch nur ungenügend befähigt werden. Statt dramaturgisch nutzlose Gegenstände zu präsentieren mit scheinbar keinem anderen Zweck als dem, die jungen Zuschauer darüber aufzuklären, daß eine Laterna Magica eine Art »Diaprojektor« ist und wie ein Sextant aussieht (dessen Funktion völlig ungeklärt bleibt), wäre besser mehr Zeit in den Aufbau von Spannung, Situationskomik oder zumindest in die Entwicklung origineller Einfälle geflossen. Nicht einmal das Gehör bleibt von Bekanntem und allzu Bekanntem verschont: Bei jedem kleinen wie großen Triumph wiederholt sich penetrant ein entsprechendes Motiv, nicht selten mehrmals hintereinander, wobei die bloße Aneinanderreihung die Erfolge der Kinder auch nicht glorioser macht.

Trauriger Höhepunkt in der Reihe mißratener Inszenierungen bildet die Szene, in welcher das Amulett auf einer Eisfläche wie ein Puck zwischen den Kindern hin- und hergeschossen wird, damit die Gauner diesem nicht habhaft werden. Nicht genug, daß das Spannungspotential, welches eine zu brechen drohende Eisdecke bietet, weitgehend ungenutzt bleibt, die Schnittfrequenz ist für jüngere Besucher zu hoch und die Szene dermaßen schlecht aufgelöst, daß die Unklarheit darüber, wer sich gerade wo befindet und was überhaupt genau passiert, die Möglichkeit des Mitfieberns im Keim erstickt.

Gegen das eingangs anzitierte Konvolut an klischeehaften Versatzstücken vermögen auch die Schauspieler nicht viel auszurichten, besonders bei den Kinderdarstellern offenbart sich mangelnde Führung. Zwar erweist sich Julius Römer alias Gustav als wahrer Glücksgriff, der mit seinem Kleinjungencharme und seiner drolligen Ausdrucksweise wohlwollendes Schmunzeln auslöst, und auch Hanna Schwamborn als Clementine spielt angenehm dezent, ausgerechnet Titelfigur Stella (Laura Berschuck) aber vermag nicht zu überzeugen und erinnert unangenehm an selbstgefällige, aber talentarme Laiendarsteller in Schultheateraufführungen. Ihr übertriebenes Minenspiel samt groß rollender Augen paßt andererseits vorzüglich zu den allzu uninspirierten Dialogen und spiegelt aufs Vortrefflichste manch unwillkürliche Regung der den Bildern zugewandten Gesichter wider – wenn es nicht gerade selbst Spiegelneuronen aktiviert.

Da kommt es dem Film nicht unbedingt zugute, daß einstellungstechnisch ausgerechnet die Nahen und Halbnahen dominieren. Dergestalt könnte er für die Fernsehauswertung zwar nicht besser geeignet sein, den Blick des Kinozuschauers aber beengt und ermüdet er – welch Verschwendung der wundervoll ausgestatteten Interieurs wie der herrlich verschneiten Landschaft, welch Ironie, wenn man bedenkt, daß es thematisch nicht zuletzt um Übertretung von Verboten und die Ausweitung des eigenen Spielraums geht. Und doch nur konsequent, verfolgt man die Widersprüche zwischen Praxis und Predigt weiter. Denn während vordergründig die Emanzipation der Frauen im 20.Jahrhundert aufgegriffen und vorangetrieben wird, woran ein aufgesetztes Plädoyer für das Tragen von Hosen und nervtötende Ausrufe wie »Frauen an die Macht!« keinen Zweifel lassen wollen, vermittelt die Geschichte selbst ein ganz anderes Bild, ist es doch der kleine Gustav, der sich in den entscheidenden Momenten als cleverer, technisch begabter Retter in der Not erweist – und als einziger eine nachvollziehbare Entwicklung durchläuft.

Und weil die Figuren und ihre Lebenswelt noch dazu nur dürftig eingeführt werden, stolpern deren Fähigkeiten und Elemente wie unbeholfene dei ex machina aus ihren Pulverschneeverstecken hervor – von den tatsächlichen Maschinengöttern wie den Fahrkenntnissen Stellas, dem ausklappbaren Amulett oder einem ebenso scheußlichen wie überflüssigen Schweinchenfeuerzeug ganz zu schweigen. Aber was übersieht man nicht gerne an inhaltlichen Fahrlässigkeiten, wenn es nur der Spannung dient. Wenn es denn nur der Spannung diente. So aber bleibt Stella und der Stern des Orients lediglich ein etwas farbloser, kaltlassender Familienwinterfilm, als ein- und erstmaliges Filmabenteuer für die Jüngsten unter den Kinozuschauern durchaus vergnüglich und für die älteren durchaus erträglich. Doch während die kleinen Schatzsucher sich bemühen, den kostbaren Stein zu finden und es rechtzeitig nach Hause zu schaffen, damit Stella ins Jahr 2005 zurückkehren kann, erträumen sich die dem Grundschulalter entwachsenen Zuschauer ihre eigene Zeitreise – zwar keine Jahre, aber etliche Filmminuten in die Zukunft. 2008-12-22 14:05
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