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Ein Geheimnis

Un secret. F/D 2007. R,B: Claude Miller. B: Natalie Carter. K: Gérard de Battista. S: Véronique Lange. M: Zbigniew Preisner. D: Patrick Bruel, Cécile De France, Ludivine Sagnier, Mathieu Amalric, Julie Dépardieu, Nathalie Boutefeu, Yves Verhoeven, Sam Garbarski u.a.
106 Min. Arsenal ab 18.12.08

Der Körper weiß, was der Geist noch nicht ahnt

Von Martin Wertenbruch Alles beginnt mit einem Blick in den Spiegel. Der vermag symbolisch zu sein für Reflexion, Einkehr und Enthüllung. Ein schmächtiger Junge, François, betrachtet zögernd seinen unvollkommenen Körper. Unvollkommen in den Augen seines Vaters, Maxime, der sich selbst durch Turnen und Ringen trainiert, ebenso wie François Mutter, Tania, die anmutig vom Turm ins Wasser springt und elegant und kraftvoll durchs Schwimmbecken gleitet. François kann den körperlichen Idealen der Eltern nicht entsprechen, zum Leid des Vaters, dessen Blicke auf seinen Sohn noch nicht soviel sagen, wie sich im Laufe des Films herausstellen wird. François erfindet sich einen imaginären Bruder, groß und stark, der seinen schwachen Körper kompensiert. Ebenso findet er Trost bei Louise, einer engen Freundin der Familie, die an seinem 15. Geburtstag das hartnäckige Schweigen bricht über das Geheimnis, das seit dem Zweiten Weltkrieg auf der Familie lastet. So sehr, daß man den Eindruck erhalten könnte, die Last werde durch François’ kränkliche Gestalt verkörpert. Die Last des Geheimnisses, die für François eine ganz merkwürdige Form der Einsamkeit bedeutet, wird in seinen dünnen Gliedmaßen, seiner schmalen Brust, seinen konturierten Wangen verkörpert. Inmitten der wohlgenährten Mitschüler, der sportiven und kernigen Eltern und ihren Freunden, die geradezu einen Körperkult pflegen, bleibt der Junge einsam, was durch das wachsende Wissen um die lange so eisern verschwiegene Vergangenheit der Familie nur verstärkt wird.

Erst der Anblick der Körperberge von Auschwitz in einer Schulvorführung lassen François körperlich über sich hinauswachsen, er explodiert förmlich und schlägt auf einen Mitschüler ein, der sich über das Gesehene lustig gemacht hat. Da weiß François noch nicht, wie sehr sein Schicksal und das seiner Familie mit der Deportation von Juden aus Frankreich verknüpft ist. Und er kann in den Blicken seines Vaters noch nicht erkennen, daß sich zur Enttäuschung über den schwachen Sohn eine tiefe stumme Trauer über Vergangenes gesellt.

Die verschiedenen Zeitebenen in diesem Drama werden auch farblich inszeniert. Anders als vielfach üblich, inszeniert Miller die Gegenwart schwarzweiß und die Vergangenheit in Farbe. So schafft er auch auf ästhetischer Ebene eine Parallele zu den Mitteln des Romans, in dem Gegenwart in der Vergangenheitsform und Vergangenes in Gegenwartsform geschrieben wird. Inhaltlich ist das Drehbuch eng an der Romanvorlage von Philippe Grimbert gehalten, was sicherlich dem autobiographischen Hintergrund sowie der ungeheuren Tragik dieser Lebensgeschichte geschuldet ist. In diesem Zusammenhang mag auch der Off-Kommentar begründet liegen, ohne den die Geschichte wohl auch funktioniert hätte. Miller gelingt es, die verschriftlichte Selbstreflexion des Psychoanalytikers Grimbert mit ästhetischen Bildern auf die Leinwand zu bringen. Das Sinnbild der Spiegelung ist dabei eines der unaufdringlichen Mittel, mit denen diese sensible Rückschau umgesetzt wird. 2008-12-16 18:02
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