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Little Paris

D 2007. R,B: Miriam Dehne. K: Sonja Rom. S: Robert Kummer. M: Kriton Klingler-Ioannides, Marko Meister. P: Monaco Film. D: Sylta Fee Wegmann, Patriq Pinheiro, Nina Gnädig, Jasmin Schwiers, Ralph Kretschmar, Stipe Erceg, Inga Busch u.a.
106 Min. Kinostar ab 18.12.08

Draußen nur Tänzchen

Von Cornelis Hähnel Die 23jährige Luna lebt in »Little Paris«, einem kleinem Ort in der baden-württembergischen Provinz, der seinen Namen dem Eiffelturm-Modell auf dem Dach der örtlichen Fabrik verdankt. Ihre beste Freundin Barbie arbeitet tagsüber in einer Eisdiele, abends in einem Bordell und wartet auf die Rückkehr ihres Liebhabers, während Eve mit ihrem Freund Stefan Hochzeitspläne schmiedet und den Hausbau vorantreibt. Luna jobbt in der Fabrik, aber immer, wenn sie das Pariser Wahrzeichen en miniature erblickt, überfällt sie die Sehnsucht nach der großen weiten Welt und einer sensationellen Karriere: Luna möchte Tanzen. Privat gibt sie Kindern Unterricht in Street Dance, doch mehr als löbliches Engagement ist das nicht. Das scheint sich zu ändern, als ihr Freund Ron den Tänzer G aufgabelt. Der hat sein Hobby zum Beruf gemacht und sogar Auftritte in den USA. Luna ist hin und weg von dem geheimnisvollen Fremden, und zusammen mit ihm will sie das Casting im »Pinki«, der Dorfdisko gewinnen. Denn das Siegerpaar wird zu einem Dance-Contest nach Berlin eingeladen, an dessen erfolgreichem Ende ein Videodreh steht.

Regisseurin Miriam Dehne zelebriert in Little Paris ihre Version des Lebe-deinen-Traum-Schemas, und die ist ein Alptraum in Rosé. Was bei Billy Elliot noch wunderbar funktionierte, nämlich das Tanzen als Möglichkeit des Widerstands und der Ausbruchsmöglichkeit der provinziellen Enge begreifbar zu machen, wird hier zu einer Farce seiner selbst. In einer Zeit, in der sich untalentierte Sänger dann eben als Tänzer durch Castingshows prügeln lassen, scheint durchaus eine Legitimation gegeben, diese Thematik auf die Leinwand zu bringen. Doch wie immer macht der Ton die Musik bzw. die Moves die Performance. Das grundlegende Problem ist die Unentschlossenheit zwischen Märchen und Sozialstudie. Ein Märchen kann es nicht sein, denn es fehlt die böse Hexe. Zwar ist G so etwas wie der fiese Intrigant, doch das wirklich Böse ist die Wirklichkeit, personifiziert im Moloch Berlin. Somit spricht es für ein Sozialdrama, aber wenn Luna und ihre Lolita-Bagage in Glitzertops durch die Sofia-Coppolaesque ästhetisierten Industriegebiete ziehen, bleibt die Authentizität auf der Strecke.

Selten war ein Vorort so überstilisiert und wenig provinziell anzusehen, einzig die Mädels sehen aus wie billige Flittchen. So ist der Film bis zur Schmerzgrenze durchzogen mit poetisch aufgeladenen Bildern, die suburbane Monotonie wird begraben unter einem Berg pastellfarbenem Kitsch: Rosa Eisbecher mit blauer Sahne und Federschmuck, Brauseufos, Straßsteinchen, »Like-A-Virgin«-Tiara und Plastikflamingos werden penetrant in Szene gesetzt, ein explodiertes Mädchenzimmer der schlimmsten Klischeesorte. Und auch die Jungs tragen rosa Höschen und Hasenohren. Das ganze soll wohl unter dem Label »Neuer Feminismus« – emanzipierter Spaß und trotzdem Mädchenkram zelebrieren – subsumiert werden, aber wenn Barbie im Zimmermädchenkostüm aus Latex, mit Brautschleier und dem Müllsack aus dem Puff in der Hand ihrem Lover hinterherrennt, kommen so manche Zweifel. Zwar versucht die Kamera immer wieder einen begehrenden weiblichen Blick auf die Jungs und ihre Körper zu werfen, aber wenn die ewig bestöckelschuhte Eve Luna rät, sich einen unattraktiven oder älteren Freund zu suchen (denn die würden bei einem bleiben), selbst aber einen knackigen Beau an ihrer Seite hat, wird auch diese Aussage zu gefälligem Geschwafel. Apropos Geschwafel: Zum visuellen Overkill gesellt sich, als absolut ungute Kombination, des öfteren ein Voice Over von neunmalklugen Selbstverwirklichungsplattitüden über »Chancen nutzen und Träume verwirklichen« und weiterem Durchhalte-Quatsch; der Rest des Films ist selbstverständlich mit »Zeitgeist-Musik« zugekleistert. Und durch die ständige Fokussierung auf Stilfragen rutscht das Tanzen an sich mehr und mehr in den Hintergrund. Zwar hüpft Luna manchmal ein wenig rum, aber das Obsessive, die Leidenschaft, ist nicht wirklich zu spüren.

Insgesamt ist der Film nicht mehr als ein prätentiöses Tänzchen mit einer Subkultur unter dem Deckmantel einer scheinbar zeitgenössischen Ästhetik. Dann verzichtet man lieber komplett auf die bemühte Hipster-Attitüde und guckt Popstars, das ist – so bizarr es klingen mag – wenigstens ehrlicher. 2008-12-17 17:02

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