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Die Natur vor uns

D 2008. R,B,K,S: Niels Bolbrinker. B: Christiane Stahl. M: Christoph Dejean. P: Alfred Ehrhardt Stiftung.
82 Min. RealFiction ab 18.9.08

Max Bill – Das absolute Augenmaß

CH 2008. R,B: Erich Schmid. K: Ueli Nuesch. S: Antoine Boissonnas. M: André Bellmont. P: Ariadnefilm.
85 Min. Salzgeber ab 4.12.08

Das Portrait auf Distanz

Von Christian Lailach In der Biopic-Schwemme der letzten Jahre hat es das klassische Porträt schwer. Verdrängt ins Dritte Programm, fristet dieses Format weit ab der allgemeinen Wahrnehmung sein Dasein. Wenn es irgendwann doch einmal eines in die Säle schafft, dann selten in großer Kopienzahl, geschweige denn mit Beteiligung einer der zahlreichen Förderanstalten oder Sender. Stattdessen finden sich im Abspann Stiftungen - meist die der Porträtierten - und irgendwie mit selbigen verbandelte Regisseure.

Nun haben es gleich zwei relativ Unbekannte geschafft, die auf den ersten Blick mehr verbindet als trennt. Der eine wie der andere wurde in der ersten Dekade des letzten Jahrhunderts geboren und lebte gut achtzig Jahre, ebenso wie jeder der beiden als Reduktionist gilt und mit dem Dessauer Bauhaus verknüpft war: Alfred Ehrhardt vs. Max Bill – sie trennt offensichtlich einzig ihre Vertiefung, wenn auch diese sich unter dem Kunstbegriff subsumieren läßt.

Die Natur vor uns ist Alfred Ehrhardt: sein ehemaliger Assistent Bolbrinker in Personalunion, unterstützt von Stahl, der Leiterin der Alfred-Ehrhardt-Stiftung. Außerfrage steht, daß Alfred Ehrhardt einen, wenn auch sachlichen, Zugang zur Natur zu schaffen suchte in einer Zeit, in der Geradlinigkeit, Mechanisierung und Optimierung die bestimmenden Pulsschläge in Kunst wie Alltag waren. Er fotographierte die Natur als Schöpfungsinstanz und fand letztlich Bestätigung für genau das, wonach die Technik seit Jahrzehnten strebte. Das absolute Augenmaß ist Max Bill: Schmid, begleitet von Bills letzter, gut vierzig Jahre jüngerer Lebensgefährtin, nun Schmids Frau. Auch Max Bill hat der Nachwelt einiges hinterlassen: »unendliche« Plastiken, die dem Bauhaus nahe Hochschule für Gestaltung in Ulm und zahlreiche Gemälde und Designgegenstände. Das, was die beiden also verbindet, trennt sie zugleich. Hier der Stille, der in sich geschlossene Fotograph, der an den Enden der Welt herumreist und in den Gesetzen der Natur stöbert. Dort der Laute, der aus Findlingen gehauene Schleifen im öffentlichen Raum platziert und sich den Regimes widersetzt.

So wird auch schnell klar, daß Die Natur vor uns nicht nur faktisch ein schwieriges Unterfangen ist. Auch gibt es kaum Zeitzeugen, die Alfred Ehrhardt emotional herausgefordert zu haben scheint. So zeigt Bolbrinker einen litauischen Fotographen, der Ehrhardt nicht einmal persönlich kannte; die Tochter des Gastwirts einer Herberge auf Island, die sich entfernt an Ehrhardts regelmäßige Besuche in Kindertagen kann; die Schwester seiner Frau, die kaum mit dem Schwager in Kontakt stand; seinen Sohn, Vermögensberater und Stiftungsgründer. Nicht gerade viel für einen Film, der dem Werk Ehrhardts gerecht werden will. Denn die Fotographien sind beeindruckend, ruhig, geradlinig, grandios für die Zeit und darüber hinaus. Ganz anders Das absolute Augenmaß, welches nicht nur hinsichtlich der Ausgangslage eine komplexere vorweist. Ein Mensch, der neben all den noch unter uns weilenden Verwandten und Kollegen Personen wie Walter Gropius, Helmut Schmid und Chaques Chirac - egal wie kurz - zu Wort kommen lassen kann, der bereits in Szenen und Sequenzen gelebt hat, dessen Biographie taugt schlechthin zu einer filmischen Aufarbeitung. Hier wird auch das Drumherum interessant, läßt sich erzählen, immer ein wenig auf der Grenze des Detaillierten, fast Privaten.

So bleibt es, eine Werkschau als Aneinanderreihung stiller, eindringlicher Bilder einem nahezu haptisch erfahrbaren Werken gegenüberzustellen. Wie die Unaufgeregtheit eines Lebens und die Vielschichtigkeit einer Geschichte sich in ihrem Ansatz gleichen doch nicht zusammenfinden, werden sowohl Bolbrinker als auch Schmid ihrem Porträtierten gerecht wie sie dem Porträt auf Distanz bleiben. 2008-12-04 15:02
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