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Mein Schatz, unsere Familie und ich

Four Christmases. USA 2008. R: Seth Gordon. B: Matthew Allen, Caleb Wilson, Jon Lucas, Scott Moore. K: Jeffrey L. Kimball. S: Melissa Kent, Mark Helfrich. M: Alex Wurman. P: New Line Cinema, Spyglass Entertainment. D: Vince Vaughn, Reese Witherspoon, Robert Duvall, Mary Steenburgen, Dwight Yoakam, Jon Voight, Kristin Chenoweth, Sissy Spacek, Jon Favreau u.a.
82 Min. Warner ab 4.12.08

Eine ganz normale Familie

Von Martin Holtz Die Weihnachtszeit ist wahrscheinlich die einzige Zeit im Jahr, die ein eigenes Filmgenre hervorgebracht hat: die Komödie über die mißglückte family reunion. In gewisser Weise haben innerhalb der Thematik Filme über Familienfeiern das klassische Familienmelodram als populäres Genre abgelöst. Das Melodram befaßt sich im tragisch-sentimentalen Tonfall mit der Rebellion des Individuums gegen die einengende Konformität der Gesellschaft. Die patriarchalische Familie ist innerhalb des Genres das konservative Bollwerk der Normalität, gegen das es anzukämpfen gilt. Augenscheinlich affirmativ aufgrund des letztendlichen Triumphs der Familie, offenbart das Genre subversive Tendenzen, indem es die Spannungen und Einschränkungen bloßlegt, die dieser Triumph mit sich bringt.

Die Durchschaubarkeit der Plotstrukturen, die kitschige Gefühlsduselei und die allzu künstliche Bildsprache haben aber dazu geführt, daß das Genre kaum noch auf der Kinoleinwand akzeptiert wird und sich mittlerweile eher auf dem TV-Bildschirm in Form von Talkshows und Seifenopern präsentiert. Hier kommt die Familienkomödie ins Spiel, ein logischer Nachfolger des Melodrams, der dessen ideologische Funktion übernimmt. Auch hier geht es um innerfamiliäre Spannungen, die Rebellion des Individuums, den Terror der Normalität. Die Frage ist, ob der humoristische Tonfall die subversiven Tendenzen des Melodrams verstärkt, oder ob sich dadurch die konservative Primärbotschaft leichter indoktrinieren läßt. Und was heißt eigentlich »normal«?

Seit den 50er Jahren, der Hochzeit des Hollywood-Melodrams, haben die wirtschaftlichen Veränderungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft das bourgeoise Idealbild der Familie gehörig verschoben. Die althergebrachten einengenden Familienstrukturen existieren nicht mehr im selben Maße wie vor 50 Jahren. Bezeichnenderweise gibt es in Mein Schatz, unsere Familie und ich mehr geschiedene als verheiratete Paare, und Familien im herkömmlichen Sinne (Vater, Mutter, 1-3 Kinder im selben Haus) existieren so gut wie gar nicht. Der Film untersucht weniger die Frage »Was ist normal?«, sondern eher die Frage »Was ist erstrebenswert?«. Dabei kontrastiert er verschiedene Modelle des Zusammenlebens. Die Hauptakteure Brad und Kate sind das Karrierepaar: reich, unabhängig, kinderlos. Der Film suggeriert, daß diese Art der Beziehung zwar anziehende Freiheiten bietet, auf lange Sicht aber zum Scheitern verurteilt ist, weil der Unwille, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, die Oberflächlichkeit und Ichbezogenheit der Partner offenbart. Die alternativen Modelle sind allerdings größtenteils wahre Horrorszenarien von scheidungsgeschädigten Restfamilien, deren weihnachtlicher Zwangsbesuch zu ungewollten Konfrontationen mit der verdrängten, zutiefst peinlichen Vergangenheit führt. Brads und Kates Eltern (allesamt geschieden) leben der Reihe nach in einer von primitiven Männlichkeitsritualen bestimmten, verarmten Sippe, in einer Gemeinschaft von sexuell frustrierten, religiös fanatischen Altjungfern, in einer sexuell experimentierfreudigen Beziehung mit dem ehemals besten Freund des Sohnes und in unversiegbarer Gram über die gescheiterte Ehe. Sie sind definitiv nicht das, was man sich unter der klassischen Familie vorstellt sondern dessen traurige Überbleibsel. Dementsprechend sind sie auch nicht der Standard für Normalität.

Umso erstaunlicher ist es, daß der Film es fertigbringt, nachdem vielerlei sehr überzeugende und ungemein lustig Gründe für die »dangers of procreation« präsentiert wurden, allen Ernstes zu behaupten: »There’s nothing more important than family.« Was ist also die Synthese aus all den festtäglichen Verwandschaftskonfrontationen? Die Erschaffung eines neuen, kompromißbestimmten Standards: Kinder ja, Heirat nein. Die Rückkehr zu einem konservativen Ideal wird dargestellt als Rebellion gegen das gescheiterte Establishment. Das barocke Melodram der späten 50er kehrt zurück mit all seinen internen Spannungen, Widersprüchen und Ambiguitäten, aber so witzig wie heute war es damals nicht. 2008-12-02 17:00

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