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Heinz und Fred

D 2007. R,B,S: Mario Schneider. K: Peter Badel. S: René Frölke, Gudrun Steinbrück. P: 42film.
82 Min. 42film ab 27.11.08

Das stählerne Königreich

Von Jutta Klocke Ein Dokumentarfilm als Märchen? Daß so etwas möglich ist, haben vor einigen Jahren schon Luigi Falorni und Byambasuren Daava mit Die Geschichte vom weinenden Kamel bewiesen. Allerdings war das, was sie dokumentierten, schon vom Schauplatz her unserer modernen Welt so weit entrückt, daß sich die »Geschichte« fernab von Aufklärung, Technikglaube und Globalisierung einzig als Märchen begreifen ließ. Ein Kamel, das beim Erklingen einer Geige mitten in der Wüste Tränen vergießt und sich durch die Melodie auf seine vernachlässigten Mutterpflichten zurückbesinnt – was für die den alten Traditionen und Überlieferungen verhafteten Nomaden ein gängiges therapeutisches Ritual ist, wird erst aus westlichem Unverständnis heraus zu einem Wunder.

Zum Märchen, so könnte man meinen, taugt also allenfalls noch die Ferne – ursprüngliche Kulturen, die fremde, weil anachronistische Bräuche pflegen. Mario Schneiders Doppelporträt eines Vater-Sohn-Gespanns, das mitten in Deutschland lebt, belehrt den Zuschauer eines besseren. Heinz und Fred bewohnen ein Gehöft, ein Königreich aus Stahl und Altmetall, im Mansfelder Land, und ihre Welt scheint mindestens ebenso weit von der deutschen Lebenswirklichkeit entfernt wie die Wüste Gobi. Ihre knappen und rar gesäten Äußerungen wie auch die Worte des Erzählers sind in Untertiteln übersetzt, so fremd nimmt sich selbst ihre Sprache aus. Die beiden folgen einer unzeitgemäßen Arbeitsmoral, die nicht nach Verwertbarkeit oder Umsatz fragt. Ihre täglichen Verrichtungen dienen keinem ökonomischen Zweck, sie werden allein um ihrer selbst willen unternommen. In ihrer Werkstatt restaurieren Vater und Sohn alte Autos, Wohnwagen und andere Gerätschaften, ohne Auftrag und ohne feste Aussicht auf einen späteren Verkauf. Die im Herbst geernteten Äpfel legt Fred so vorsichtig auf dem Lagerregal im Keller ab, daß man für einen kurzen Augenblick den Supermarkt um die Ecke vergißt, in dem es das Obst massenweise zu kaufen gibt.

»Es war einmal ein König, der lebte mit seinem einzigen Jungen in einem riesigen Königreiche.« Mit diesen Worten wird der Zuschauer in die sonderbare Welt der Protagonisten eingeführt von einem Erzähler, der zwar selbst Mansfelder und damit auch das akustische Alter ego des Regisseurs ist, aber im Reich von Heinz und Fred ein Eindringling bleibt wie alle anderen, die mit dem Passieren des elektrischen Tors die Außenwelt hinter sich lassen. Und mit jeder Filmminute wird deutlicher, daß diese Übertragung ins Märchenhafte keineswegs ironisch zu verstehen ist, wie man in seiner eigenen Überheblichkeit zunächst noch denken mochte. Die Gratwanderung zwischen den Abgründen der Lächerlichkeit einerseits und einer falschen Sentimentalität andererseits gelingt dem Film nicht zuletzt durch Peter Badels Kamera, die über das Land oder die Werkbank hinwegstreift und so das Flüchtige im vom Off-Kommentar beschworenen immer Dagewesenen aufspürt.

Denn es ist ein labiler Mikrokosmos, der sich dem Zuschauer über weitgehend wortlose Bilder erschließt. Daß hinter all dem gewissenhaften Tun eine bittere Realität steckt – finanzielle Probleme, eine zu früh gestorbene Ehefrau und Mutter und vor allem die Sorge, was aus Fred werden soll, wenn Heinz mal nicht mehr da ist – wird durch die Märchenstruktur nicht verschleiert, sondern vielmehr behutsam in die ruhig dahinfließende Dramaturgie eingewoben. Und doch bemüht sich Schneider nicht um eine Rekonstruktion von Biographien. Der Fokus bleibt auf das Alltägliche gerichtet, das gerade in seiner scheinbaren Sinn- oder zumindest Zwecklosigkeit die großen Fragen des Daseins aufwirft. Die Erkenntnis darüber, was Heinz und seinen Sohn adelt, schleicht sich so leise ins Bewußtsein ein, daß selbst der Erzähler nur vage Worte findet, um sie zu beschreiben: »Ich kann nur sagen, daß ich bis heute nicht so recht verstehe, was die da machen. Aber ich komme langsam dahinter, je länger ich denen zugucke, je länger ich bei den beiden bin.« Dem Zuschauer ergeht es ähnlich, und allmählich dämmert auch in ihm die Frage auf, welche Welt eigentlich die unnatürlichere ist: das Königreich von Heinz und Fred oder das darum herum geschaffene Konstrukt, in dem man selbst herumstolpert und mit dessen stetigem Wandel man tagtäglich mitzuhalten versucht. 2008-11-25 15:33
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