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New York für Anfänger

How to Lose Friends and Alienate People. GB 2008. R: Robert B. Weide. B: Peter Straughan. K: Oliver Stapleton. S: David Freeman. M: David Arnold. P: Number 9 Films, Film4, Aramid Entertainment Fund. D: Simon Pegg, Kirsten Dunst, Danny Huston, Gillian Anderson, Megan Fox, Jeff Bridges u.a.
111 Min. Concorde ab 27.11.08

Aufstieg und Fall eines Klatschreporters

Von Susan Noll Eine gute Überschrift ist das Salz in jeder Text- und Artikelsuppe. Das sollten Journalisten und Medienmacher am allerbesten wissen, geht es doch mit einer schmissigen ersten Zeile darum, Interesse zu wecken und den Leser, Zuschauer oder Zuhörer für sich zu gewinnen. Daß deutsche Filmverleiher fremdsprachigen Produktionen schon mal gerne einen neuen, eher abwegigen Titel geben, ist allgemein bekannt. Diese Manie trägt dabei immer ausgefallenere Früchte. So wird aus der zynischen und äußerst prägnanten Zeile How to Lose Friends and Alienate People ein harmloses, nettes New York für Anfänger. Man kann sich darüber ärgern, aber eigentlich zeigt es nur einmal mehr, was passiert, wenn eine Pointe für die Vermarktung glattgebügelt wird. Ein Thema, dessen sich auch benannter Film annimmt. Insofern wird er schon zu Beginn von seiner eigenen Geschichte eingeholt.

Sidney nämlich ist Medienmann oder eher ein -männchen, denn er hat es nicht geschafft, seine kleine unabhängige Zeitung vor dem Ruin zu retten. Niemand ist an seinem bissigen Blatt interessiert; Journalismus, der sich von niemandem einreden läßt, wie man über etwas zu schreiben hat, ist nicht gefragt. Noch schlimmer: Eines Tages klopft der amerikanische Erzfeind mit seinem High-Society-Hochglanzmagazin an Sidneys Tür, um ihn nach New York zu holen. Der sieht seine Chance gekommen, einen Marsch durch die Institutionen zu starten und mit seinem leidenschaftlichen Journalistencredo, nichts und niemandem zu gefallen und immer die Wahrheit zu schreiben, endlich berühmt zu werden. Doch die Branche tickt anders, und vom Herzblut- zum PR-Journalismus ist es kein großer Schritt, vor allem nicht, wenn einen jede Menge Präsentkörbe, VIP-Plätze und die Nacht mit einem verführerischen Jungstar locken. Schließlich haben Adam und Eva auch in den Apfel gebissen, als sie ihn angeboten bekamen. In New York glitzert eben alles so schön.

Diese Geschichte könnte man einfach und langweilig erzählen, wie es der deutsche Titel nahelegt. Aber hinter der Oberfläche verstecken sich eine ganze Menge Charme und geistreiche Einfälle, die die Story, wenn auch nicht intellektuell anspruchsvoll, so doch sehr unterhaltsam werden lassen. Simon Pegg spielt den Sidney mit spitzbübischer Hingabe, daß man ihm den Vollblutjournalisten sofort abnimmt. Sein Mangel an Takt- und Modegefühl ist einmalig, womit er britische Vorurteile bedient. Trotzdem erscheint der Charakter nie als Britenklischee, denn Peggs schauspielerische Natürlichkeit macht erst bewußt, daß man selbst den Voreingenommenheiten erlegen ist. Er führt Vorurteile vor und spielt so auch mit dem Bild von Europa und Amerika, die in diesem Film für verschiedene moralische Prinzipien stehen. Die Figur hat Tiefe, und man kann verstehen, wo sie hin möchte mit dem Wunsch nach Wahrhaftigkeit und Authentizität. Und genauso ist auch ihr Fall vom hohen Prinzipienroß des guten Journalismus nachvollziehbar. Von seiner Arbeit leben zu können, ohne die eigenen Ideale zu verraten, ist ein hohes Ziel, das sich so gut wie nie erreichen läßt.

Robert Weide will sicherlich keine harsche Medienkritik üben, dafür ist der Film dann doch zu vorsichtig, zu konventionell, vielleicht auch zu kommerziell. Am Ende droht er sich gar in einem einfachen Boy-Meets-Girl-Plot zu verlieren. Die unterhaltsame Komponente überwiegt, Simon Pegg darf ein bißchen britischen Humor einstreuen, der angenehm erfrischend ist und die amerikanischen Stars blaß aussehen läßt – übrigens eine Eigenschaft, die man besonders Engländern zuschreibt. Wenn man dem Film also eine tiefere Absicht unterstellen will, dann doch die, daß Europa hier so etwas wie die Wiege der Natürlichkeit und ja, auch der Wahrhaftigkeit repräsentiert. Nicht umsonst nennt Kirsten Dunst Fellinis La dolce vita als ihren Lieblingsfilm. Ein Film, der aus einer italienischen Sicht die Fassade des High-Society-Medienrummels als bloße Heuchelei entlarvt. Wer in Amerika versucht, sich selbst treu zu bleiben, wird früher oder später doch von der bunten Glitzerwelt geschluckt und verdorben. Das hätte diesem Film auch passieren können, aber er kriegt gerade noch einmal die Kurve. 2008-11-24 11:55

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