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Palermo Shooting

D 2008. R,B: Wim Wenders. B: Norman Ohler, Bernd Lange. K: Franz Lustig. S: Peter Przygodda. M: Irmin Schmidt. P: Neue Road Movies. D: Campino, Giovanna Mezzogiorno, Dennis Hopper, Inga Busch, Jana Pallaske u.a.
108 Min. Senator ab 20.11.08

Porträt des Künstlers als junger Rockstar

Von Daniel Bickermann Viel Spott wurde in Cannes ausgeschüttet über Wenders’ neuestes Werk Palermo Shooting, und viel wird vor dem Kinostart in Deutschland noch folgen: das psychologisch unbefriedigende Ende, die durchwachsene Schauspielleistung des austrainierten Altbierpunks Campino, der nichtssagende Cameo von Lou Reed als Geist seiner selbst, der haarscharf an der Lächerlichkeit entlangschrammende Auftritt Dennis Hoppers als Sensenmann und die teils entsetzlichen Seifenoperndialoge, die eben dieser in der ausgedehnten Esoteriksequenz am Schluß sprechen muß. Einiges an diesem Spott ist nicht unberechtigt, und vieles davon scheint Wenders geradezu einzuladen mit seinem bräsig religiösen Symbolismus, der seit Himmel über Berlin nicht gerade subtiler geworden ist.

Ein gescheiterter Film also? Die Wahrheit ist komplizierter: Palermo Shooting ist zerrissen durch ein aberwitziges Niveaugefälle, das sich nicht einmal in zwei unterschiedliche Aspekte unterteilen läßt, sondern zwei Seiten derselben Medaille darstellt. Wenders hat einen über weite Strecken überzeugenden, inszenatorisch sogar gloriosen Film gedreht, und teilweise spricht die Offensichtlichkeit seiner Schwächen nur für die Ehrlichkeit und den Mut zur Verletzlichkeit, mit dem er hier tiefe Überzeugungen über die Freuden des Lebens und die Nähe des Todes ausdrückt. Gleichzeitig führt diese Konsequenz eben auch zu schamlosem Kitsch und leeren Drehbuchphrasen, weil das »Memento Mori, Carpe Diem«-Motiv nun wirklich nicht originell ist. Wundervoll atmosphärische Szenen, wie jene im Nachtclub mit einem hinreißenden Sebastian Blomberg, und inspirierende Schauspielleistungen wie die der subtilen Giovanna Mezzogiorno werden daher von einer schwachen letzten halben Stunde doch arg überschattet.

Durchgehend gelingen Wenders die narrativen Verästelungen des Films besser als der leider hohle Stamm. Begeistert entdeckt man stimmige Details allerorten: die sich verkriechende Ziege in den Straßen Palermos, die das flüchtige Leben symbolisiert, das der Protagonist Finn vergeblich auf Bildplatten zu bannen versucht; der Aktienhändler, der Geld zahlt, um auf den Rheinwiesen Schafe hüten zu dürfen; die Bildzitate auf MC Escher und Antonioni; der stumpfe Alltag des Fotographen, den Editor Peter Przygodda durch ständige Zwischenschnitte auf den autofahrenden Protagonisten als unsinniges Hetzen von Station zu Station entlarvt; und der erstaunlich moderne Soundtrack, für den neben dem Wenders-Getreuen Nick Cave diesmal auch geschmackvolle Neuzugänge wie Beth Gibbons, Calexico und Get Well Soon randurften.

Das deutsche Kino hat einfach keinen besseren Stimmungsregisseur als Wenders: Die Farben, die Bewegungen, die Blicke und die Musik erzeugen eine so greifbare Atmosphäre, daß man Hans Weingartner, der in seinem völlig mißratenen Free Rainer eine ähnliche Sinnsuche der Yuppie-Generation mit Rockstarallüren zu erzählen versuchte, am liebsten in einen Kinosessel klebebanden möchte, um ihm zu zeigen, wie man die langsame Wandlung eines Menschen und seiner Weltsicht zum aufrechten Erwachsenen behutsam und glaubhaft inszeniert. Und wie man nebenbei eine vorsichtige Liebesgeschichte erzählt, ganz zart und langsam, ohne die hollywoodtypische Erkenntnis auf den ersten Blick, ohne sexuelle Heuchelei, sogar ohne einen einzigen Kuß.

Am Ende dagegen, in dem Hopper sich als Engel des Todes in einer Borgesschen unendlichen Bibliothek zu einem Monolog über den Zusammenhang von Fotographie und Tod hinreißen läßt (in arg ungeschickten Worten, die man so weder dem passionierten Fotographen Hopper noch dem passionierten Fotographen Wenders zugetraut hätte), an diesem Ende fehlte ein Drehbuchkorrektor, der die Dialoge überprüft und mit den Worten Ernst Lubitschs immer wieder erbarmungslos nachgefragt hätte: »Wie können wir das anders sagen? Wie können wir das besser sagen?« Palermo Shooting beweist uns wieder einmal: Die großen Fragen des Lebens darf man stellen, aber beantworten darf man sie auf keinen Fall.

Als nächstes geht es für Wenders nach Tokio, das schon immer seine heimliche Heimat war, wo er mit Willem Dafoe und der Romanverfilmung The Miso Soup wieder seiner Vorliebe für die stille Stilisierung eines Yasujiro Ozu frönen kann. Dieser hätte es sich niemals angemaßt, die letzten Dinge des Lebens auszuformulieren – ihm genügte das Bild eines rauchenden Schornsteins oder eines im Fluß treibenden Grashalms, um die Vergänglichkeit des Lebens zu reflektieren. Auch Wenders hat ein Talent für solche profunden Miniaturen, jetzt muß er sich nur noch trauen, seine Filme wieder ganz davon tragen zu lassen. 2008-11-19 11:50

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