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Novemberkind

D 2008. R,B: Christian Schwochow. B: Heide Schwochow. K: Frank Lamm. S: Christoph Wermke. M: Daniel Sus. P: Sommerhaus Filmproduktionen. D: Ulrich Matthes, Anna Maria Mühe, Steffi Kühnert, Juliane Köhler, Thorsten Merten u.a.
95 Min. Schwarz-Weiß ab 20.11.08

Malen nach Zahlen

Von Jakob Stählin Christian Schwochow zeigt in seinem Abschlußfilm Deutschland als einen romantischen Ort. Seine Geschichte um eine junge Ostdeutsche, die auf der Suche nach ihrer zu DDR-Zeiten geflohenen Mutter ist, möchte zwar ein ungemütliches Kapitel aufschlagen, doch die klare Haltung zur Geschichtsreflektion läßt die Bundesrepublik in Offenheit strahlen. Es ist eine endgültige Facette des Schwelgens: vorbeirauschende Autos, Raststättenkaffee, Bahnhöfe. Die Identitätssuche wird von Anna Maria Mühe sehr zwingend gespielt, doch leider dienen die sicher komponierten Bilder nur als Oberfläche für eine Erzählung, die knietief in Klischees watet und gerade mal die psychologische Tiefe eines Kalenderspruchs entfaltet.

Das Interessante an Novemberkind ist die von Ulrich Matthes verkörperte Figur. Trocken spielt er den Konstanzer Professor Robert, der zwischen Nostalgie und Sensationsgier in fremder Vergangenheit kramt. Auf der Suche nach einem Romanstoff entsteht aus dem nahbaren Herrn ein fast astreiner Stalker. Leider verliert sich dieser Handlungsstrang allzu bald in Belanglosigkeiten und wird nur schal beleuchtet. Eine Wendung zur kargen Seele der Obsession hätte Schwochows Film einen großen Dienst erwiesen, denn gerade dieser Aspekt der Selbstfindung wäre ein Entwurf gewesen, der narrativ über den Konventionen einer mordlosen Krimivariation gestanden hätte.

Womit wir wieder beim Anfang wären, denn das sehnsüchtige Bild unserer Heimat, das in Novemberkind entworfen wird, bietet eine herrlich freie filmische Leinwand, die man losgelöst bemalen könnte. Daß die gezeigte Suche dennoch statisch bleibt, ist auch dem braven Drehbuch von Christian und Heide Schwochow (der Mutter des Regisseurs) geschuldet, das jede Nuance der Geschichte in unzähligen Rückblenden ausformuliert. Gerade einen Zuschauer, den man mit einer schweren Thematik zu konfrontieren sucht, sollte man nicht zur kompletten Passivität verdammen. »Ich hoffe immer, daß etwas Unvorhergesehenes passiert«, sagt Robert und lehnt sich in den frischen Fahrtwind. Doch wie der Zuschauer wird auch er enttäuscht. 2008-11-17 11:58

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.

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