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Bloody Sunday

GB/IRL 2002. R,B: Paul Greengrass. K: Ivan Strasburg. S: Clare Douglas. M: Dominic Muldowney. P: Granada Films, Hell's Kitchen. D: James Nesbitt, Allan Gildea, Gerard Crossan, Mary Moulds, Carmel McCallion u.a.
107 Min. epiX Media ab 13.11.08

If you’ll walk away, I’ll walk away

Von Jakob Stählin Erinnert sich eigentlich irgendjemand an Oliver Stones World Trade Center? Vermutlich eher wenige, denn zurecht hat dieser hanebüchene Affront kaum Publikum gefunden. Die Rekonstruktion eines historischen Schicksalsschlags in sterilen Bildern zu inszenieren und mit bedeutungsschwangeren, elegisch wabernden Aufnahmen zu nähren, kann nur scheitern. Hinzu kommt natürlich, daß die Heldenverehrung eine ziellose Einseitigkeit propagiert, die schlicht nicht tragbar ist.

Der Engländer Paul Greengrass, längst durch die letzten beiden Bourne-Filme im Mainstream verankert, hat bereits in seinem Film Flug 93 eine mitreißende Mischung aus Unterhaltung und Lehrstunde geschaffen. Eine mediale Fiktion gemischt mit Realitätsfetzen, zusammengepuzzelt zu einem perfiden Szenario, das ob seines Tatsachenbezugs unfaßbar intim wurde, bildeten den Rahmen für seinen Beitrag zu 9/11. Die Oberfläche – sprich: die in das Hochhaus krachenden Flugzeuge – zu präsentieren kann selbstverständlich nur eine Bestätigung der ohnehin bereits geschehenen Reflektion sein und ist somit redundant wie eine ziellose Besetzung des Irak.

Es ist sehr erfreulich, daß Greengrass' Bloody Sunday (der Berlinale-Gewinner von 2002) nun endlich in deutschen Kinos gezeigt wird. Im Mittelpunkt steht der Civil-Rights-March durch die nordirische Stadt Derry, der in einer Katastrophe endete. 27 Menschen wurden an-, bzw. erschossen, 13 davon starben. Dieser Tag wurde zum Wendepunkt der irischen Geschichte, gab der IRA Zündstoff und entfachte einen Bürgerkrieg, der in seiner Folge tausende Opfer forderte.

Die ersten Bilder des Films zeigen den Politiker und Bürgerrechtskämpfer Ivan Cooper, der entschlossen zu seinen Anhängern spricht; man werde friedlich marschieren. Im Gegenschnitt – den ganzen Film hindurch häufig durch Schwarzblenden eingeleitet – bereitet sich das Militär auf den Extremfall vor. So entsteht selbstredend eine gewisse Parteilichkeit, doch die Spannung zwischen den beiden Lagern wird bereits in den ersten Minuten zu einer pulsierenden Präsenz erzwungen, die beim Kinozuschauer einen direkten kognitiven Effekt zu entfachen vermag. Direktheit ist man von Greengrass gewohnt, und so verwundert es nicht, daß auch Bloody Sunday in wackeligen, aber niemals willkürlichen Bildern einen dokumentarischen Stil verwendet. Kameramann Ivan Strasburg bleibt stets nah am Geschehen, reißt wild herum, als könne er nicht alles, was um ihn herum geschieht, erfassen. Demnach findet die Eskalation natürlich auch Off-Screen statt, und obgleich Drehbuchautor Greengrass jahrelang selbst Irlandkorrespondent war und sich intensiv mit einer realitätsgetreuen Rekonstruktion des »Bloody Sunday« beschäftigte, entsteht niemals der arrogante Eindruck des künstlerischen Anspruchs auf Vollständigkeit. Übermotivation ist das Stichwort, an dem so viele von der Masse gefeierten Filme scheiterten: Spielbergs Geschichtsdramen etwa triefen meist vor Ehrfurcht und scheinen sich hinter der porträtierten Katastrophe zu verstecken. Das schroffe Hineinwerfen in die Situation hingegen forciert die ernüchternde Erkenntnis, daß es so in etwa gewesen sein kann; hier die Marschierenden, hier die Soldaten und schließlich der Eklat.

Das Unscheinbare überrollt den Zuschauer in karger Schönheit. Perfekt ausgeleuchtete Bilder, natürlich keine extradiegetische Musik und keine reißerische Identifikation mit den Opfern, sondern schlicht 107 Minuten persönlich gefärbte Aufarbeitung eines Themas, das in seiner Universalität auch in Jahren nichts an Zeitnähe verloren haben wird, streben nach Rezeption. Am Ende weiß jeder etwas anderes: Wunderwerk Mensch, sein Bewußtsein und die seltsamen Synapsen, die in Arten und Weisen explodieren, daß Mücken schon mal gerne zu Elefanten gemacht werden. Am Ende des Tages steht stets der biblische Begriff der »Schuld«, und Schuldige müssen büßen. So oder so: »How long must we sing this song […] There's many lost, but tell me who has won.« 2008-11-12 12:45

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