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Der Generalmanager oder How to sell a Tit Wonder

D 2006. R,K: Steffen Jürgens. R: Rüdiger Heinze. K: Philipp Pfeiffer. S: Sven Kulik. P: MFG Film.
93 Min. epiX Media ab 13.11.08

Lektionen in Demütigung

Von Daniel Bickermann Zumindest im Genre der Pseudo-Dokumentation à la Stromberg oder Der Wald vor lauter Bäumen ist man die konstante Demütigung erbärmlicher Filmfiguren ja inzwischen gewohnt. Aber in der authentischen Welt der Dokumentation? Auch Regisseur Steffen Jürgens hat anno 2004 mit seiner schrillen Kurzfilm-Parodie Stuhlberg – Der jüngste Manager Europas schon einmal die Fremdscham spielen lassen, als er (in verzerrter Form) die Geschichte des jungen Busenwunder-Managers Martin Luigi Baldauf erzählen wollte. Damals spielte Baldauf sich selbst und Jürgens selbst Baldaufs Spiegelbild Daniel Luigi Stuhlberg. Was ereignete sich während dieser Zeit zwischen Regisseur und Forschungsobjekt – Freundschaft, Aneignung, Parasitentum? Die krawalligen Ausschnitte jenes Kurzfilms, die in Der Generalmanager noch einmal zu sehen sind, geben keinen endgültigen Aufschluß darüber. Fest steht, daß Jürgens sich noch lange nicht sattgesehen hatte an Baldauf, ihn stattdessen weitere Monate und Jahre mit der Kamera verfolgte und schnell feststellte, daß die Realität unendlich viel grausamer sein kann als jede Fiktion. Vor allem seine Kameraführung offenbart dabei einen Filmemacher, der immer tiefer in einen Strudel der Zerstörung hineingezogen wird; der einen gräßlichen Autounfall kommen sieht und nichts weiter zu tun weiß, als gnadenlos draufzuhalten.

Es bedarf eines ganz besonderen Objektes der Begierde, um den eher eitlen Schauspieler, Selbstinszenierer und Regisseur Steffens mal aus dem eigenen Blickfeld zu drängen – aber Martin Baldauf kann gar nicht anders, als den Fokus auf sich zu ziehen. Er ist der Alptraum der deutschen Kulturnation, ein kaum rasierfähiger Anzugschleimer, ein schmieriger Trash-Talkshow-Gast, ein sich ständig im eigenen Lügengeflecht windender Blender. Mit erstaunlicher Selbstvergessenheit flunkert und schleimt er sich durch die C-Prominenz der Republik: Er versteht instinktiv, daß die Reichen und Schönen des Boulevards (und das ist für ihn beispielsweise schon Jürgen Drews) ihn spätestens nach der dritten zappeligen Stalking-Attacke in einem Anfall von amüsiertem Stockholm-Syndrom in ihr Herz schließen, wie man ein trotziges Kind als Maskottchen mitnimmt. Baldaufs Sündenfall ist es, daraus eine Profession machen zu wollen: Nachdem die gutmütige Lolo Ferrari ihn ein bißchen mitgenommen hat auf ihrem Weg, der sie zu immer absurderen Körperformen, immer groteskeren Auftritten und schließlich in ein frühes Grab brachten, spielte sich Baldauf als großer Manager-Zampano auf und will nachfolgende Busenwunder erst unter Vertrag und schließlich unters Volk bringen. Sein ebenso haarsträubender wie dilettantischer Versuch, das britische Oberweitenmodell Ashley Bond in Deutschland zu vermarkten, scheitert in einer Reihe nicht endenwollender Demütigungen. Das Busenwunder, die mit Abstand klügste und sympathischste Person im Raum, ist die einzige Person, die einem dabei wirklich leidtut.

Inszenatorisch hangelt sich Jürgens auf einen schmalen Grat entlang, und oft scheint es, als habe er längst jegliches Gleichgewicht verloren: Die langen Auszüge aus dem eigenen Vorgängerfilm wirken ebenso egozentrisch wie die langen Erläuterungen seiner persönlichen Verstrickungen mit Baldauf. Doch letztlich dient diese vermeintliche Nabelschau einem ebenso faszinierenden wie makaberen Experiment: Jürgens, der den Blöffer jahrelang mit der Kamera verfolgte, erkennt und bestraft nicht nur die Erbärmlichkeit des Managers Baldauf, sondern auch seine eigene, die ihn diesen widerlichen Wicht jahrelang hat verfolgen lassen. Durch diese Erkenntnis ist es dann auch mit der klassischen Nichteinmischung des Filmemachers vorbei: In einer grandiosen, grausamen Klimax zerstört der Dokumentarist sein Subjekt und damit auch sich selbst. »Jetzt hör’ doch endlich auf zu filmen«, droht Baldauf in dem Moment, als sein gesamtes Berufs- und Privatleben in einem tristen Hotelzimmer zerplatzt und Jürgens immer noch weiterdreht. Baldauf schimpft, schreit ihn an, windet sich, fleht schließlich. Es hat keinen Zweck: Jürgens schaut nicht mehr weg, und im Niedergang des Gegenüber verglüht auch seine eigene Egozentrik zugunsten einer schonungslosen und mutigen Selbsterkenntnis. Die grauenhafte Amour fou aus dem vermeintlichen Opfer, das sich vor lauter Kamerageilheit selbst noch beim Versagen filmen läßt, und dem vermeintlichen Täter, der so fixiert ist auf sein schillerndes Opfer, daß er mit seiner Kamera teilweise sogar körperlich aufdringlich wird, ist endlich vorbei. Man atmet durch, aber genau wie der Regisseur bleibt man tagelang voller Zweifel, ob man selbst nicht manchmal ein echter Baldauf ist. 2008-11-11 13:10
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