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So viele Jahre liebe ich dich

Il y a longtemps que je t'aime. F/D 2008. R,B: Philippe Claudel. K: Jérôme Alméras. S: Virginie Bruant. M: Jérôme Alméras. P: UGC. D: Kristin Scott Thomas, Elsa Zylberstein, Serge Hazanavicius, Laurent Grévill, Frédéric Pierrot, Claire Johnston u.a.
115 Min. Alamode ab 13.11.08

Nach der verlorenen Zeit

Von Daniel Albers Nicht vom unbegreiflich kitschigen Titel täuschen lassen: Dies ist keine Verfilmung eines Cecelia-Ahern-Romans! Es geht um eine Frau, die vor vielen Jahren ihrem kleinen Sohn das Leben genommen hat und nun nach verbüßter Gefängnisstrafe in die Gesellschaft zurückkehrt. Von dieser Ausgangssituation war Philippe Claudel, bisher nur als Schriftsteller in Erscheinung getreten, so fasziniert, daß er sein Tätigkeitsfeld zumindest kurzzeitig verlagert und ins Regiefach gewechselt hat. Das Ergebnis ist eine ungeheuer intensive psychologische Studie der Hauptfigur, die von der begeisternd spielenden Kristin Scott Thomas verkörpert wird.

Juliette, die Mutter, nach 15 Jahren Gefängnis nur noch ein graues, ausdrucksloses Häufchen Elend, sitzt verloren an einem Tisch in einem Flughafencafé, als sie von ihrer jüngeren Schwester Léa überschwenglich begrüßt wird. Léa, die nach der Verurteilung ihrer großen Schwester von ihren Eltern bewußt als Einzelkind erzogen worden und einer regelrechten, gegen Juliette gerichteten Gehirnwäsche unterzogen worden ist, hatte sie trotz allem nie vergessen und nimmt sie nun liebevoll in ihre eigene, gut funktionierende Familie auf. Sie will – im Gegensatz zu ihren Eltern damals – ihrer Schwester mit so viel Verständnis und Unvoreingenommenheit wie irgend möglich eine Chance geben, Einblick in deren damalige Beweggründe zu nehmen.

Es ist ein sehr lange andauernder Öffnungsprozeß, den Juliette durchmacht – und diese Langsamkeit spiegelt sich in der Erzählweise des Films und insbesondere in der Kameraarbeit von Jérôme Alméras wider. Claudel macht es dem Zuschauer nicht leicht, sich mit Juliette anzufreunden, so spröde und unzugänglich, wie sie von Beginn an gezeichnet wird und über weite Strecken des Films auch bleibt. Hierdurch und durch die Reaktionen ihrer Mitmenschen – unter anderem Léas Ehemann, der die allmählich entstehende Vertrautheit Juliettes mit seiner Tochter mit Argusaugen beobachtet – drängt sich unweigerlich die Frage auf, wie man selbst einem solchen Menschen gegenübertreten würde, der auch nach Verlassen der Gefängnismauern gefangen zu sein scheint, gefangen in der eigenen belasteten Vergangenheit. Wer bereit ist, sich mit dieser Frage zu befassen und die Sprödheit der Hauptfigur (die jedoch keine Fehlleistung der Scott Thomas ist, sondern im Gegenteil ihrer schauspielerischen Größe zuzurechnen) über einen Großteil der Filmlänge ertragen kann – keine Sorge: Claudel läßt durchaus auch mal Humor aufblitzen – der wird diesem, in bester französischer Filmtradition gehaltenen Erstlingswerk einiges abgewinnen können. 2008-11-10 11:59

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.

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