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Gerdas Schweigen

D 2008. R,B: Britta Wauer. K: Kaspar Köpke, Bob Hanna. S: Berthold Baule. M: Karim Sebastian Elias. P: Zeitsprung Entertainment, rbb.
95 Min. Piffl ab 6.11.08

Der Rest ist Reden

Von Oliver Baumgarten Wie in letzter Zeit im deutschen Film anschaulich zu beobachten war, existieren unterschiedliche Ansätze, das Anliegen mehr oder weniger erfolgreicher Sachbücher auf die Leinwand zu bringen. In Der Baader Meinhof Komplex etwa wurde kräftig dramatisiert und fiktionalisiert, während wiederum in Lenin kam nur bis Lüdenscheid einer möglichen Authentizität dadurch Nachdruck verliehen werden sollte, daß man ganz einfach den Autor des Buches in den Mittelpunkt der filmischen Erzählung rückte. Doch ist Richard David Precht selbst auch tatsächlich insofern eigentlicher Gegenstand von Lenin kam nur bis Lüdenscheid, als es dezidiert um seine Kindheit und Jugend geht, so sieht es mit dem persönlichen Bezug des Buchautors in Gerdas Schweigen dann doch etwas anders aus. Knut Elstermann nämlich, Radio-Filmkritiker aus Berlin, schilderte in seinem Buch »Gerdas Schweigen« das Leben seiner jüdischen Großtante, der während der Nazizeit Grausames widerfahren ist. Sie gebar in Auschwitz ein Mädchen. Sie hatte es austragen, aber anschließend nicht ernähren dürfen: Ihre Peiniger hatten ihr das Baby belassen, doch unter der Beobachtung Mengeles dessen Ernährung unterbunden, so daß das Baby nach wenigen Tagen in Gerdas Armen gestorben war.

Gerda selbst überlebte Auschwitz und wanderte nach New York aus, wo sie später heiratete und nie mehr – weder mit ihrem Mann noch mit ihrem später geborenen Sohn – über Geburt und Ermordung ihres zudem unehelich gezeugten Babys sprach. Dann kam Knut Elstermann, Gerdas Großneffe aus Deutschland, der nebulösen Gerüchten innerhalb der Verwandtschaft nachging, Tante Gerda in den USA aufsuchte und bohrte und bat, bis ihm Gerda schließlich alles erzählte – für ein Buch, das, so Gerda, niemals in Englisch erscheinen dürfe, damit ihr Sohn nicht davon erfahre. Natürlich erfuhr er es trotzdem.

Gerdas Geschichte ist todtraurig, und es macht fassungslos, sich das Leid bewußt zu machen, dem Gerda ausgesetzt war und ganz offensichtlich noch immer ist. Der zwischen Erleichterung und Resignation schwankende Tonfall, ihr immer wieder durchscheinendes Zögern, sich zu offenbaren, und schließlich die Härte und Konsequenz, die ihre Entscheidung, zu schweigen, mit sich bringt: Es sind diese Nuancen in Gerdas Erzählung, die so viel mehr vermitteln, als es Worte allein vermögen, und die dadurch zu den Juwelen in Britta Wauers Film gehören. Von Gerdas Person und ihrer Geschichte abgesehen allerdings begeht Gerdas Schweigen den folgenschweren Fehler, der Buchstruktur und -dramaturgie insofern zu folgen, daß er dem Autor Knut Elstermann eine Art Ich-Erzählhaltung zugesteht.

Eigentlich nämlich müßte man den Film wie folgt beschreiben: Knut Elstermann stößt schon als Knirps auf eine mysteriöse Lücke in der Biographie seiner Großtante. Als Erwachsener macht er sich endlich auf, herauszufinden, was seine in New York lebende Tante verbirgt. Das Problem ist nun leider, daß die Perspektive aus Sicht Elstermanns reichlich redundant ausfällt. Gerdas Schweigen wäre ein weitaus intensiverer und überzeugenderer Film geworden, hätte sich Regisseurin Britta Wauer ganz auf die Protagonistin konzentrieren dürfen. Weil man sich stattdessen aber entschied, dem Film den nacherzählten (und teilweise nachgespielten) Ermittlungsplot um Knut Elstermann anzustricken, bleibt die Frage nach dem Erzählschwerpunkt nicht selten ziemlich indifferent. Nicht Gerda steht hier manchesmal im Mittelpunkt, sondern der Journalist, der ihr die Geschichte entlockt. Da sich daraus allerdings keine Metaebene ergibt, die über die banale Feststellung hinausgeht, daß das Leid des Holocausts Auswirkungen bis in die dritte und vierte Generation zeigt, bleibt am Ende des Films der irgendwie fahle Verdacht von journalistischer Selbstdarstellung – angesichts einer so berührenden Geschichte wie der von Gerda ist das reichlich fatal. 2008-11-04 15:00

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