— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Waltz with Bashir

IL/F/D 2008. R,B: Ari Folman. S: Nili Feller. M: Max Richter. P: Razor Film Produktion.
90 Min. Pandora ab 6.11.08

This Is not a Love Song

Von Christian Lailach Es ist Sommer 2008, irgendwann Ende Juni. Du sitzt bei Ella in Tel Aviv auf dem Sofa, wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Die Jalousien sind heruntergelassen, die Klimaanlage gibt ihr Bestes. Du blätterst im Magazin der Haaretz. Natürlich verstehst du kein Wort, egal in welche Richtung du blätterst. Aber du genießt es, die Artikel über Bilder und Grafik zu erschließen, sie zu entschlüsseln und irgendwie zu verstehen. Und immer wieder zieht eine ganzseitige Anzeige deine Aufmerksamkeit auf sich: Ein gezeichnetes, gelb-monochromes Bild zeigt zwei junge Soldaten, wie sie dem Meer entsteigen; Feuerbälle fallen vom Himmel, die Hochhäuser am Strand verbergen die Stadt hinter ihnen. Der Cannes-Zweig ruft Erinnerungen wach. Ja, da war was, ein Film, aber irgendwie ging das alles in dem Trubel deiner Abreise unter. Du fragst Ella, ob du dir die Seite herausreißen dürftest, sie meint, du sollest die ganze Zeitung mitnehmen, das Magazin lese sie eh nie, das sei was für die jungen Leute.

Daheim gibst du in der Redaktion bescheid, daß du gern den Waltz with Bashir übernehmen würdest und hängst die Seite an die Küchenwand. Wochen später sitzt Eran mit deiner Mitbewohnerin in der Küche und meint, der Film heiße »Walzer mit Bashir«, habe ein paar Auszeichnungen gewonnen; das könne er lesen, gehört habe er aber noch nichts von dem Film. Du weißt auch nicht mehr als vorher: Ein Israeli verarbeitet seine Kriegserfahrungen, Zeichentrick. Das war’s. Das reicht für das Vorab.

Das reicht auch für das Danach, denn es wirft genau die Fragen auf, die es aufwerfen muß: Was ist Waltz with Bashir wirklich? Dokumentar-, Kriegs- oder Trickfilm? Offensichtlich alles zugleich, aber was passiert unter der sich schützend über den Film legenden Leinwand? Arbeitet Folman seine ganz persönliche Vergangenheit auf – oder gleich die einer ganzen Gesellschaft? Was bleibt für Außenstehende, für Unbeteiligte übrig von dem, was Folman berichtet? Vergebung? Entschuldigung? Verständnis?

Rein faktisch war Folman Anfang der 1980er Jahre im ersten Libanonfeldzug unterwegs, in welchem Israel die im Libanon erstarkende PLO in einem Angriffskrieg zu zerschlagen suchte. Das von der libanesischen Phalange-Miliz in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila vollzogene Massaker wurde seitens der Israelis sehend hingenommen. Folman sind diese Fakten sicherlich bekannt, doch fehlen ihm jegliche Erinnerungen an diese Zeit. Er reist herum, sucht Freunde auf, die ihm auf der Suche nach den verschüttgegangenen Bildern behilflich sein sollen. So zieht er seinen Weg von der Bar zum Kaffeekränzchen, vom Kaffeekränzchen bis nach Holland und findet Baustein für Baustein, doch der eine große Ziegel leugnet, dabeigewesen zu sein.

Die Aufarbeitung der persönlichen Vergangenheit verwächst also mit der gesellschaftlichen Verantwortung. Es sind die typischen Fragen und Antworten, Muster, die Europäern wie Amerikanern wohlbekannt sind. Amerika hat Vietnam, Deutschland das Dritte Reich bald in allen filmischen Genres mehr schlecht als recht verarbeitet, seit ein paar Jahren beschäftigen sich auch Österreicher vermehrt mit ihrer Rolle im Zweiten Weltkrieg, und selbst Dänen stellen – solange die letzte Generation noch nicht restlos verstorben ist – sich schnell noch ein paar Fragen. Insofern ist Folman im Vorteil, weil er beobachten kann, daß die mediale Beschäftigung mit dem Thema »Kriegsschuld« keine Frage der Zeit ist, daß es keine einfachen Antworten gibt, mögen die Fragen noch so klar sein.

Mit Waltz with Bashir betritt er dieses Terrain sehr behutsam, verwischt die reale mit der künstlichen Welt, indem er Gespräche dokumentiert und seine mit Fakten getränkten, doch scheinbar so vagen Erinnerungen herumarrangiert. Genauso die Bilder, in denen Zeichnungen mit realen Aufnahmen verschwimmen; nicht im Sinne von Bekanntem, keine Zeichentrickfiguren in der Realität, sondern Details der Realität im Zeichentrick. Folman stiehlt sich so zum einen aus einer klaren Haltung, der Verantwortung, baut aber zum anderen genau damit die Brücke zu ihr.

Vielleicht ist all das gewagt und übertrieben zu behaupten, Waltz with Bashir wäre ein vorsichtiger, notwendiger Schritt hin zu einem friedlichen israelisch-palästinensischen Miteinander. Vielleicht würde er der Last dieser Behauptung auf Dauer nicht standhalten und unter ihr zerbersten zu einem einfachen Kriegsfilm, wie wir ihn zuhauf kennen, nett animiert, aber ohne politische und gesellschaftliche Belange. Vielleicht ermutigt er aber auch zur kontinuierlichen Auseinandersetzung mit einem globalen Thema und ist ein kleiner, glänzender Mosaikstein des Ganzen. 2008-11-03 11:56

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap