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Die Stadt der Blinden

Blindness. USA 2008. R: Fernando Meirelles. B: Don McKellar. K: César Charlone. S: Daniel Rezende. M: Marco Antonio Guimaraes. P: Bee Vine, O2 Filmes, Potboiler, Rhombus Media. D: Julianne Moore, Mark Ruffalo, Alice Braga, Danny Glover, Maury Chaykin u.a.
120 Min. Kinowelt ab 23.10.08

Mehr Licht!

Von Daniel Bickermann Im kürzlich erschienenen und äußerst unterhaltsamen Apokalyptiker-Standardwerk »Global Catastrophic Risks«, in dem man je einen hochwissenschaftlichen Artikel zu Themen wie Meteoriteneinschlag, Nuklearkrieg, Pandemie oder Ausbruch eines Supervulkans nachlesen kann, merkt der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Robert Hanson völlig zurecht an, daß der größte Schaden selten von den eigentlichen Katastrophen ausgelöst wird, sondern eher von den Multiplikatoren des sozialen Zusammenbruchs: Erst die anschließenden Plünderungen, Panikverläufe, Korruptions- und Institutionskrise löst weltweite Hungersnöte, Wirtschaftsflauten und Anarchie aus.

Es war ein ähnlicher Gedanke, den das portugiesische Literatur-Chamäleon José Saramago seinen überraschend mitreißenden Roman »Die Stadt der Blinden« zugrunde legte: Der Literaturnobelpreisträger kümmerte sich darin erstaunlich wenig um die mysteriöse »Weiße Krankheit«, die die Welt innerhalb weniger Tage ins Chaos stürzt. Statt dessen war das Buch, wie jede gute Endzeitvision, eine Parabel über die dünne Schicht der Zivilisation und darüber, wie leicht sie zerreißt. Don McKellar, der kanadische Indie-Veteran, der schon mit Egoyan, Cronenberg und Polley arbeitete und mit seinem Regiedebüt Last Night auf ähnlich apokalyptisch-psychosozialen Pfaden wandelte, übernahm den Gleichnischarakter der Geschichte denn auch getreulich in sein Drehbuch: Die multilingualen Figuren bleiben allesamt namenlos und bevölkern eine abstrakte Großstadt, die in Kanada und Uruguay gefilmt wurde, aber aussieht wie eine Mischung aus Rio de Janeiro und Yokohama. Es ist die Petrischale, in der die Menschheit auf das sie definierende Experiment wartet.

Daß die Ergebnisse dieser Versuchsanordnung nicht gerade freundlich ausfallen, sollte klar sein: Eine plötzliche Erblindung der Menschheit muß innerhalb weniger Tage nicht nur jegliche technologische Errungenschaft der letzten fünfhundert Jahre revidieren, sondern den vermeintlichen zivilisatorischen Fortschritt dieser Zeit gleich mit. Zuerst in einer verkommenen Quarantäne-Station, später auch auf urbaner Ebene darf der Zuschauer miterleben, wie das konkret aussieht: Die plötzliche psychische und physische Unsicherheit bringt die schlimmsten Instinkte zum Ausbruch, die soziale Ordnung degeneriert erst zu despotischen Strukturen und schließlich zur kompletten Anarchie. Der Mensch scheint nicht nur seines Augenlichts beraubt, sondern auch seiner Empathie: Die Figuren sind vor allem unfähig, einander zu helfen, während die Prinzipien der Gewalt und des Egoismus weiterhin gültig bleiben. Die Blindheit isoliert von den Bedürfnissen und Regeln der Mitmenschen. Daß der Film trotz all dieser spektakulär anzusehenden Degeneration auch die andere Seite zeigt, die blinde Liebe und das gegenseitige Erkennen im tiefsten Kern, ohne jede Ablenkung der Oberflächlichkeit, ist vielleicht sein größter Verdienst.

Im Zentrum der technischen Umsetzung einer solchen Geschichte steht natürlich ein künstlerisches Paradoxon: Ein Film über Blindheit ist eigentlich nicht zu visualisieren. Im Roman ist die Beklemmung und Hilflosigkeit der Figuren förmlich spürbar, und eine Hörspielfassung (warum es noch keine solche gibt, ist ein Rätsel) wäre wohl die medial passendste Form, um die menschliche Urangst des Erblindens noch vermitteln. Aber eine Verfilmung? Da werden Gedanken an Alexandre Rockwells Filmsatire In the Soup wach, in der Steve Buscemi ein prätentiöses Drehbuch schreibt, das die kurzzeitige Erblindung seiner Hauptfigur mit zwanzig Minuten schwarzer Leinwand nachvollziehbar machen möchte. So absurd es sich auch anhört: Mereilles scheint eine ähnliche Grundidee zu verfolgen – nur die Durchführung gelingt ihm glücklicherweise um ein Vielfaches subtiler. Zum einen konzentriert sich der Film auf die Frau des Arztes, die als einzige immun ist, und ihre buchstäbliche Sichtweise der Dinge – Blinde haben schließlich keinen Point of View. Die Narrative setzt sich so mehr mit der Einsamkeit der Gesunden auseinander als mit dem Horror der Erblindeten. Zum anderen gelingt Kameramann und Mereilles-Veteran César Charlone eine äußerst eigenwillige Beleuchtungsstrategie, die manchmal Schnitte und Überblenden ins Weiß hinein setzt, vor allem aber seine Bilder immer deutlich über- oder unterbelichtet: Die Welt verschwimmt vor unseren Augen, wird nur noch schemenhaft erkennbar, man muß sich auf Stimmen und Geräusche konzentrieren, um nicht die Orientierung zu verlieren. Mit Hilfe eines herausragenden Ensembles, das sich ohne jede Lächerlichkeit durch ein neues Leben tastet, überzeugt Die Stadt der Blinden als mitreißend gefilmter und nachdenklich stimmender Sozialthriller. 2008-10-21 11:50

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