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Max Frisch, Citoyen

CH 2008. R,B: Matthias von Gunten. K: Matthias Kälin. S: Caterina Mona. M: Martin Todsharow. P: HesseGreutert Film AG.
94 Min. GMfilms ab 23.10.08

Im Dschungel der Unsagbarkeiten

Von Daniel Bickermann Es gibt sie noch, die angenehmen Überraschungen im deutschsprachigen Dokumentarfilm. Man erwartet einen launigen Streifzug durch Leben und Werk des Schweizer Dichters, mit Talking Heads aus Freunden und Kollegen, Privataufnahmen der Familie und einer gemütlich dahinplätschernden Erzählung. Stattdessen das: Helmut Schmidt eröffnet Matthias von Guntens Film mit einer ebenso vorsichtigen wie klugen Definition des Begriffs des Intellektuellen. Max Frisch, Citoyen beginnt als Abgesang auf diese fast ausgestorbene Spezies der Intellektuellen, und die ersten Bilder zeigen Frisch als Paradebeispiel dieser Kategorie, als Vor-Denker und Vor-Bürger, der Meinungen ganzer Gesellschaften drehen kann, dem ganze Nationen an den Lippen hängen. Überrascht bemerkt man, was dieser Film sich alles vorgenommen hat; noch überraschter ist man, daß er all seine Versprechen auch einlösen kann.

Max Frisch, Citoyen verläßt für seine radikal-intellektuelle Agenda die ausgetretenen Pfade der Dokumentation in Richtung Essayfilm. Die Tonspur wird dabei überlagert von Martin Todsharows hintergründiger, unterkühlter Musik der düsteren Zwischentöne und von seitenweise nachgesprochenen Passagen aus Frischs Essays und Tagebüchern, die vom Schweizer Autor Reto Hänny wunderbar vokalisiert werden – höchst anspruchsvolle Texte werden da auf den Zuschauer losgelassen und fordern seine ganze Aufmerksamkeit. Es entsteht ein Film zum Mitdenken, der Fragen nach dem gesellschaftlichen Zweck der Kunst sowie der Beziehung des Künstlers zu seiner Umwelt aufwerfen. Nur selten muß eine weibliche Erzählerstimme ordnend in Frischs Gedankenwelt eingreifen, noch seltener die Interviews mit schwergewichtigen Zeitzeugen, die sich auf gleicher Augenhöhe bewegen, von Christa Wolf über Günther Grass bis zu Henry Kissinger. Aber meist ist es Frisch selbst, der hier durch seine Essays und Tagebücher spricht und seine kristallklaren, schneidenden Reflexionen der europäischen Nachkriegsgeschichte auf das Publikum niedergehen läßt.

Bildlich bewegt sich von Guntens Werk sogar hin zur Avantgarde: Er verläßt sich fast vollständig auf poetisch unscharfe, schwarzweiße und inhaltlich komplexe Archivaufnahmen, die er so weit verlangsamt, daß Bild für Bild erkennbar wird. Zu Frischs komplexen gesellschaftshistorischen Abhandlungen die passenden Bilder zu finden ist ein Drahtseilakt, den von Gunten und sein Kameramann Kälin bravourös meistern. Sie finden diese Bilder in den komplexen Mustern des Holocaust-Mahnmals, in den historischen Gesichtern zwischen den Weltkriegsruinen und in den heutigen Gesichtern der KZ-Besucher. Die wenigen aktuellen Bilder dienen dabei nur als Einsprengsel des Kontrasts zur Vergangenheit – durch Zeitlupen werden auch sie historisch relativiert, und auch sie zeigen nur die Momentaufnahme einer Entwicklung, keinen Endpunkt. Wir besuchen Vietnam mit Frisch, wir streifen mit ihm durch die 68er-Proteste, blicken auf die Atombombenexplosion auf dem Bikini-Atoll und schweben über den deutsch-deutschen Grenzstreifen. Aus Lesung, Musik und Archivbildern bastelt Editorin Caterina Mona ein Montagemeisterwerk der Andeutungen, das gerade genug piktoralen Hintergrund liefert, um den Text nicht zu stören, sondern zu unterstützen.

Und die Textauswahl ist makellos. Schon Frischs erste Schreibversuche sind Aufrufe, er faßt Stimmungen zusammen für seine Mitmenschen – und der Grad zwischen einer Ausformulierung dessen, was die anderen sagen wollen, und dem, was sie sagen sollten, ist schmal. So erlebt man mit, wie Frisch zur moralischen Instanz einer Nation wird und stellvertretend in die Abgründe schaut, die andere gerne ignorieren würden. Dabei findet er für seine wechselvollen Beziehungen zu seiner Schweizer Heimat, seiner deutschen Kulturheimat und zu seinem Konflikt- und Inspirationsland USA immer wieder Sätze, die man sich rahmen lassen möchte: In der Aufarbeitung des Holocausts findet er »das eigene Entsetzen, das uns noch gar nicht erreicht hat«; angesichts der Atombombe erkennt er einen geradezu befreienden Fatalismus: »Jetzt liegt an uns, ob es eine Menschheit gibt oder nicht.«

Sind Frisch und seine gesellschaftsmoralischen Denkansätze Produkte einer bestimmten Zeit? Zu einem gewissen Maße sicher, der Film setzt sie daher auch in den Kontext von Bildern aus den verschiedenen Epochen. Aber braucht man zum Verständnis auch ein Porträt des Privatmenschen Frisch, seiner Familie und seiner Beziehungen? Warum eigentlich? Von Gunten verzichtet konsequent auf die üblichen Biopic-Fakten und tut daran sehr gut. Über die Geburt seiner drei Kinder kriegt man nichts weiter mitgeteilt als diesen wunderbar dichten Tagebucheintrag Frischs: »Ich habe mich gefreut, für die Frau. Später bin ich dann aus der Wohnung ausgezogen und lebte wieder allein.« Wer also biographische oder gar private Details über Frisch erfahren will, kann getrost zu Hause bleiben. Wer dagegen etwas über die conditio humana des modernen Westeuropäers lernen will, über seine Moral, seine Gesellschaft, seine Verantwortung und über die Welt, in der er lebt, der wird dieses Jahr vielleicht keinen besseren Film finden. »Die Sintflut ist herstellbar«, schreibt Frisch. »Wir können, was wir wollen. Es fragt sich nur noch, was wir wollen.« 2008-10-24 16:04

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