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Anonyma – Eine Frau in Berlin

D 2008. R,B: Max Färberböck. K: Benedict Neuenfels. S: Ewa J. Lind. M: Zbigniew Preisner. P: Constantin Film. D: Nina Hoss, Yevgeni Sidikhin, Irm Hermann, Rüdiger Vogler, Ulrike Krumbiegel, Jördis Triebel, Roman Gribkov, Juliane Köhler u.a.
131 Min. Constantin ab 23.10.08

Erotik der Niederlage

Von Ekaterina Vassilieva Jede (vor allem erfolgreiche) Ideologie ist nicht bloß eine Aneinanderreihung von Leitsätzen, sondern eine Art der Verführung. So baut die Nazi-Ästhetik ihre erotische Faszination auf dem Bild des smarten Soldaten in eleganter Uniform mit feurigem Blick einerseits und der anmutigen, unberührbaren Schönheit, die auf den richtigen Moment wartet, um fürsorgliche Familienmutter zu werden, andererseits auf. Diese Typen sind so verführerisch, weil sie selbst die Verführten sind und sich der Verkörperung der Utopie mit einer rauschhaften Glaubwürdigkeit hingeben. Genau ein solches (Traum)Paar beobachten wir im Prolog von Anonyma – Eine Frau in Berlin: Das ist die anonyme Heldin selbst und ihr fröhlich in den Krieg ziehender Ehemann Gerd. Gleich darauf sehen wir Anonyma bereits im Kreise der treuen Frauen, die zuversichtlich auf die siegreiche Rückkehr ihrer Männer warten. Die Männer kommen. Aber leider die falschen. Sie gehören zwar einer anderen – sowjetischen – Ideologie an, die durchaus auch das Zeug zur Faszination besitzt, doch müssen die in Berlin im April 1945 verbliebenen Einwohner die einmarschierten Truppen nicht unbedingt von ihrer Glanzseite kennenlernen.

Die Vergewaltigungen der deutschen Frauen, auf die sich der nach authentischen Aufzeichnungen einer Berliner Bürgerin entstandene Film von nun an konzentriert, zerstören nicht nur Körper und Psyche der Betroffenen, sondern auch die Erotik der Utopie, in der sie sich bisher gut aufgehoben wußten. Gleichzeitig tastet sich der Film aber langsam nach neuen erotischen Bildern um: Die standhafte, schlanke Figur von Nina Hoss als Anonyma, die sich auch nach mehrfachen Mißhandlungen unerschrocken durch die besetzte und zerstörte Stadt fortbewegt; ihr gemarterter Körper, den sie fast stolz vor ihrem Peiniger entblößt; die verschüchterten, aber immer noch an ihrem Glauben an den Führer festklammernden Teenager, die in ihrer rührenden Naivität einem Andersen-Märchen entstiegen sein könnten. Das intensive Mitfühlen des Publikums wird durch eine subjektive Kamera erreicht, die sich konsequent an der Perspektive der Opfer orientiert und ihnen gleichzeitig einen bestätigenden, fast verklärenden Spiegel vorhält. Der Blick auf die Russen bleibt dagegen stets durch Befremden gekennzeichnet: Selbst wenn ein junger Soldat von den traumatischen Erlebnissen in seinem von den Nazis besetzten Heimatdorf berichtet, ruft sein anklägerischer, fast ans Maniakale grenzender Duktus eher Abneigung als Sympathie hervor. Umso unglaubwürdiger erscheint die Romanze zwischen der Filmheldin und einem russischen Major, für die der Film keine plausible psychologische Erklärung findet und die das Geschehen leider endgültig ins Melodramatische abgleiten läßt. 2008-10-20 11:50

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.

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