— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Neulich in Belgien

Aanrijding in Moscou. B 2008. R: Christophe van Rompaey. B: Jean-Claude van Rijckeghem, Pat van Beirs. K: Ruben Impens. S: Alain Dessauvage. M: Tuur Florizoone. P: A Private View. D: Barbara Sarafian, Jurgen Delnaet, Johan Heldernbergh, Anemone Valcke, Sofia Ferri u.a.
102 Min. Senator ab 16.10.08

Gute Suppe, schlechte Suppe

Von Christian Lailach Neulich in Belgien? – Klar! Kinderschänder! – Nein. – Regierungskrise? – Nein. – Europäische Kommission? – Nein, nein, nein! Nichts, aber auch gar nichts hat dieser Film mit den gängigen Klischees zu tun.

Matty, verlassen von ihrem Mann, der seit geraumer Zeit mit einer seiner Studentinnen zusammenlebt, legt den Rückwärtsgang ein, die Kinder quengeln, der Einkauf ist verstaut und – krawumm – schon ist sie Johnnys LKW in die Seite gefahren. Dieser springt von seinem hohen Roß, quasselt was von Frauen, Versicherung, und sie bricht kurz zusammen. Dann rafft sie sich auf, versucht den angekratzten Typen etwas ungalant zu besänftigen und greift in letzter Sekunde nach dem Halm und ruft die Ordnungshüter. Das Blatt wendet sich, Johnny packt Lutscher für die Kinder aus und mimt plötzlich den Handzahmen. Doch zu spät: Zwei freundliche Polizistinnen entsteigen ihrem Wagen, und der charmante Macho hat das Nachsehen. Ein paar Tage später steht er vor ihrer Tür und versucht, soweit möglich, den Kofferraum wieder hinzubiegen. Sie lädt notgedrungen den gut zehn Jahre Jüngeren zu Blutwurst mit Kartoffeln und – pfrrrrt – Senf.

Van Rompaey kreiert in den Genter Randbezirken eine Beziehung zwischen Trennungsschmerz und Neubeginn. Diese pendelt beschwingt hin und her, mit Dialogwitz und zwei Kunstfiguren: Matty »Mustard« und Johnny »Camione il Amoroso« – sie würzt sich in die Welt schön eintönig; er kauft ihr die zu engen Schuhe. Zwischendrin drei prä-, inter- und postpubertäre Kinder und ein unentschlossen reumütiger Ex-Ehemann. Eigentlich hat Rosamunde Pilcher hier die Pacht schon Jahre im voraus bezahlt, und niemand hat wirklich mehr damit gerechnet, daß eines Tages ein paar Belgier daherkommen und ein bis zur erbrochenen Galle durchgenudeltes Thema mit selten gesehener Leichtigkeit und Feinfühligkeit einfach mal so umsetzen.

Zwischen Verstandenem und Unverstandenem trotzdem alles irgendwie verstehen zu können, ist sicher auch dem auf der Leinwand eher ungewohnten Flämisch zuzuschreiben. Doch zeigt dies vielmehr, daß die zeitweise etwas eigenwilligen Darsteller uns doch um einiges näher sind als manch erstklassige. Sie interagieren, ohne ein alltägliches Thema großartig zu interpretieren. So liegt genau hier die Würze im feinen Weglassen statt im großen Dazugeben, womit Neulich in Belgien die Verbindung des Maggis zur Pilcher-Generation einfach mal rekursiv aufdeckt: Eine einfache Prise Salz und Pfeffer macht das Leben spannender als Einheitswürze. 2008-10-13 11:42

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap