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Das Fremde in mir

D 2008. R,B: Emily Atef. B: Esther Bernstorff. K: Henner Besuch. S: Beatrice Babin. M: Manfred Eicher. P: NiKo Film. D: Susanne Wolff, Johann von Bülow, Maren Kroymann, Judith Engel, Hans Diehl, Herbert Fritsch u.a.
99 Min. Ventura ab 16.10.08

Vergebliche Liebesmüh’

Von Bettina Schuler Das Leben der 32jährigen Rebecca scheint perfekt: Sie lebt mit einem netten Mann in einem wunderschönen Haus und betreibt einen kleinen Blumenladen, der passabel läuft. Als Rebecca schwanger wird, scheint das Familienglück perfekt. Doch als ihr kleiner Junge auf die Welt kommt, muß Rebecca mit Entsetzen feststellen, daß sie nur Befremden und Hilflosigkeit gegenüber ihrem Kind empfindet und vergeblich auf das Einsetzen des allseits erwarteten Mutterglücks wartet. Aufgrund des Erwartungsdrucks von Innen und Außen versucht Rebecca jedoch, das gängige Mutterklischee zu bedienen. Bis sie selbst, verwirrt und überfordert von ihren eigenen Emotionen, keinen anderen Ausweg mehr weiß, als vor sich selbst und der Situation zu fliehen. Doch ausgerechnet Rebeccas eigener Mutter gelingt es, sie davon zu überzeugen, daß sie für ihre fehlende Liebe keine Schuld trifft und sie durch professionelle Hilfe einen Weg zu ihrem Kind finden kann.

Wer sein Kind nicht liebt, der gilt in der Gesellschaft noch immer als schlechter Mensch. Insbesondere Mütter, die ihre Kinder laut des gängigen Klischees von der ersten Sekunde an aufopferungsvoll lieben sollten, stehen unter diesem Erwartungsdruck. Daß es jedoch zahlreiche Frauen gibt, die nach der Geburt unter postpartalen Depressionen leiden, die mitunter sogar zum Suizid führen, wird dabei gerne verdrängt. Denn wer will sich schon eine Mutter vorstellen, die, statt ihr Kind mit zig Küssen zu bedecken, sich lieber heulend in eine Ecke verzieht? Die Regisseurin Emily Atef widmet sich in ihrem Film Das Fremde in mir diesem sehr vernachlässigten Thema auf eine sehr sensible und klischeefreie Art und versucht mit der Leidensgeschichte von Rebecca, an dem romantisierten Mutterbild, das in der Gesellschaft noch immer vorherrscht, kräftig zu rütteln. Indem Atef Rebeccas Geschichte nicht chronologisch erzählt, sondern immer wieder zur Schwangerschaft und Rebeccas Vorfreude auf das Kind zurückblendet, gelingt es ihr, die Diskrepanz zwischen dem eigenen Anspruch und den tatsächlichen Gefühlen gegenüber dem Kind sehr deutlich herauszuarbeiten und eine Ahnung davon zu vermitteln, wie sehr Rebecca selbst unter der Situation zu leiden hat. Das Besondere ist jedoch vor allem, daß die Regisseurin ihren Film nicht auf die Probleme und Ängste der betroffenen Mütter reduziert, sondern auch zeigt, wie schwierig es für den frischgebackenen Vater ist, mit der ungewohnten Situation umzugehen, ohne dabei auf das gängige Klischee des Machomannes zurückgreifen zu müssen, der sich nur für den Job und nicht für die Familie interessiert. Ein gelungener, sensibler Film, für den Emily Atef zurecht bei dem diesjährigen Filmfest in Oldenburg gleich drei Preise eingeheimst hat. 2008-10-14 11:50
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