— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Geschichte vom Brandner Kaspar

D 2008. R,K: Joseph Vilsmaier. B: Klaus Richter. K: Jörg Widmer. S: Uli Schön. M: Christian Heyne. P: Perathon, Clasart. D: Franz Xaver Kroetz, Michael Bully Herbig, Lisa Maria Potthoff, Peter Ketnath, Sebastian Bezzel, Alexander Held, Jürgen Tonkel, Detlev Buck, Herbert Knaup, Jörg Hube, Elisabeth Trissenaar u.a.
100 Min. Concorde ab 16.10.0

Das Essen war gut, und wir hatten schönes Wetter

Von Jakob Stählin Das Hauptproblem der bajuwarischen Existenz ist (da sollte man sich gar nichts vormachen), daß man Weißwürste standesgemäß nur vormittags essen darf – und natürlich der Umstand, daß überall »Preißn« rumlaufen. Der Himmel in Vilsmaiers Kurzgeschichtenadaption Die Geschichte vom Brandner Kaspar ist folgerichtig ein Panoptikum der bayrischen Lebensart: Bier, Blasmusik, Weißwürste mit süßem Senf (zu jeder Tageszeit) und oberkörperfreie Buben in Lederhosen. Nicht nur Geistliche fühlen sich in solch einer Umgebung wohl, soviel steht fest. Leider bleibt das kurios gestaltete, blauweiße Leben nach dem Tod die einzig stimmige Bauerntheatervariante die über die Leinwand flackert.

Marcus H. Rosenmüller hat mit seinen lockeren Filmen aus dem Dachauer Hinterland ein Genre reanimiert, daß heutzutage eigentlich absolut fehl am Platze scheint. Doch seine zeitnahen Parabeln menschlicher Stärke und Schwäche trafen durch originell gestaltete Charaktere oft den rechten Ton, und die urige Fassade des unberührten Bayerns gab seinen Szenen die frische Luft, die ihre Einfachheit dringend zum Atmen benötigte. Besonders seine Verfilmung der Legende vom Räuber Kneißl meisterte den Spagat zwischen altmodischem Schwank und moderner Parabel erfreulich lässig. Vilsmaier, ein Regisseur mit anderen Ambitionen, hingegen fühlt sich schon seit jeher dem zugetan, was man weitläufig als Heimatfilm bezeichnen kann. Doch wie etwa in seiner kargen Schlafes Bruder-Verfilmung, ist es die Essenz und nicht deren Zutaten, die in den Fokus der Kamera fallen. Fatal! Vor allem wenn stilistische Varianten gewählt wurden, die in ihrer Form ausgeschöpft waren und nach Zerrüttung lechzten. Wie auch in Vilsmaiers neuem Film liegt das Scheitern nicht an den gut besetzten Darstellern.

Franz Xaver Kroetz gibt den Wilderer und Büchsenmacher Brandner Kaspar recht sympathisch, streckenweise etwas zu gut gelaunt, fügt sich jedoch nicht zuletzt durch die solide Ausstattung gut in die gewohnt biederen Alpenpanoramabilder ein. Die Musik dudelt allzu zünftig diverse Bierzeltklassiker aus den Boxen, und die üblichen Verdächtigen der letzten Rosenmüller-Filme geben gekonnt ihre Mundart-Oneliner zum Besten. In Bayern werden die Leute vermutlich in die Kinos stürmen und dabei übersehen, daß der auf heitere Schlitzohrigkeit abzielende Tenor des Films im Innern genauso konservativ ist wie der Ruf des Freistaats. Klischee trifft Klischee trifft Klischee, und zu guter Letzt sind alle so klug als wie zuvor: Bayern lustig und dickköpfig, Nicht-Bayern borniert und unlustig. So ein Schmarrn! Natürlich darf, nein muß, ein kompromißloser Heimatfilm, was Die Geschichte vom Brandner Kaspar am allerangestrengtesten sein möchte, mit gewissen Stereotypen spielen, doch mal im Ernst: Die hunderttausendste Variante laufender Postkarten sollte wenigstens auf der Rückseite nicht nur von gutem Essen und schönem Wetter erzählen.

Und wie sich zu Beginn hustend und röchelnd beim alten Brandner der Besuch des Boanlkramers ankündigt geht auch dem Erzählrhythmus irgendwo zwischen Himmel und Erde die Puste aus. Als nach der überlangen Einleitung Bully in grotesker Maske auftaucht und seltsam gackernd Witzigkeit versprühen möchte, knallt plötzlich gewollt-anarchischer Lach-oder-Stirb-Humor auf die zuckersüße Kuhglockenatmosphäre der Alpen – eine Amour fou, die durchaus das Potential hätte, um für etwas Sprengstoff zu sorgen. Doch das fade Drehbuch gesteht seinem Hauptdarsteller, wie dem gänzlich unsortierten Michael Herbig keinen einzigen witzigen, geschweigedenn denkwürdigen Satz zu. Die überzogene Darstellung des Boanlkramers ist somit keineswegs der ersehnte Fremdkörper, der alles in Gang bringt, sondern ein unangenehm peinlicher Hallodri, der dringend einen Logopäden aufsuchen sollte. Narrative Überraschungen gibt’s keine: Kaspar und Tod besaufen sich und der alte Fuchs zockt den Gottesbeamten ab. Schlicht: Das Drehbuch ist eine bis aufs platteste ausgewalzte Version eines simplen Plots, der zwangsläufig nur von verstärkenden oder kontrastierenden Nuancen leben kann. Doch jede Szene, jeder Konflikt wiederholt sich, bis man schließlich, wie der Kaspar selbst, lieber Schluß machen möchte – ab in den Himmel, zu den Weißwürsten und den verstörenden Lederhosenboys. 2008-10-13 12:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap